ADHS bei Erwachsenen: Ein Überblick

ADHS bei Erwachsenen

Die häufigste diagnostizierte psychische Störung des Kinder- und Jugendalters ist die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Sie zeichnet sich durch eine Chronifizierung sowie durch eine langfristige Notwendigkeit einer psychologischen Behandlung aus (Döpfner/Fröhlich/Lehmkuhl, 2013). Dass die Störung auch im Erwachsenenalter bestehen kann, ist weithin unbekannt – was, neben unterschiedlichsten Komorbiditäten (Stieglitz &Rössler, 2006), die korrekte Diagnosestellung erschwert.

ADHS: Geschichtlicher Abriss

Bereits 1844 gab es Beschreibungen, die dem Bild der heutigen ADHS entsprechen. In Heinrich Hoffmanns Der Struwwelpeter finden sich etwa Charaktere, denen heute eindeutig ADHS diagnostiziert werden würde – der Zappelphilipp, der fliegende Robert oder Hanns Guck-in-die-Luft, um nur einige zu nennen (Brandau, 2004). Im medizinischen Diskurs tauchen entsprechende Beschreibungen spätestens 1902 auf, als der englische Kinderarzt Sir George Frederick Still über „Nicht normale psychische Bedingungen bei Kindern“ (Gawrilow, 2016) berichtet. In seinen Fallstudien legte Still zwar sein Hauptaugenmerk auf „abweichendes Moralverhalten“; nichtsdestotrotz weisen viele der beschriebenen Kinder Symptome auf, welche der aktuellen ADHS gleichen. 1908 veröffentlichte Alfred F. Tredgolt Mental Deficiency (Amentia), in den 1960er-Jahren wurde unter der Bezeichnung der Minimalen Cerebralen Dysfunktion eine ADHS-Symptomatik beschrieben, 1978 wurde die Hyperkinetische Störung ins ICD-9 aufgenommen, 1980 tauchte der Begriff der Aufmerksamkeits-Defizit-Störung im DSM-III auf und seit 1987, mit dem DSM-III-R, wird das Störungsbild als Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bezeichnet.

Ätiologie, Diagnostik und Verlauf der ADHS

Welche Faktoren bei der Entstehung eine Rolle spielen, ist bis heute nicht geklärt. Forscher*innen gehen davon aus, dass ein multifaktorielles Zusammenspiel die Ursache ist. Als Hauptursache wurden genetische Faktoren identifiziert. Um ADHS diagnostizieren zu können, müssen die Symptome, die im ICD-11 beschrieben werden, vor dem mittleren Kindesalter ihren Beginn haben. Im DSM-5 ist das Alter hingegen mit einem Beginn vor dem Alter von zwölf Jahren angegeben. Die Kernsymptome der ADHS im Kindes- und Jugendalter sind Hyperaktivität, Unaufmerksamkeit und Impulsivität. Es wird unterstrichen, dass die hyperaktiv-impulsiven Symptome, welche sich im Kindesalter zeigen, im Erwachsenenalter zu einer primär unaufmerksamen Form wechseln können. Auch aufgrund dieser Veränderung der Symptomatik ist eine treffende Diagnose im Erwachsenenalter um einiges schwieriger zu stellen (Döpfner/Philipsen, 2020).
In der Transition zeigt sich, dass ADHS auch mit positiv konnotierten Eigenschaften wie einem hohen Energielevel und Kreativität einhergeht, jedoch überwiegen in den meisten Fällen die negativen Auswirkungen der ADHS, was nicht zuletzt auf die Vielzahl der möglichen Komorbiditäten zurückzuführen ist.

ADHS im Erwachsenenalter

Laut Döpfner und Philipsen (2020) ging man bis vor einiger Zeit noch davon aus, dass ADHS sich auswächst und im Erwachsenenalter entsprechend nicht mehr vorzufinden ist. Neuere Forschungen haben aber gezeigt, dass bei 50 % – 80 % der Kinder mit ADHS die Störung auch im Erwachsenenalter bestehen bleibt. Heute wird davon ausgegangen, dass zwei Drittel der Betroffenen auch im Erwachsenenalter das Vollbild einer ADHS zeigen; dennoch bleibt die Störung wie bereits erwähnt deutlich häufiger als im Kindesalter undiagnostiziert (Döpfner, Philipsen 2020).
Nach Barkley/Murphy/Fischer (2008) nimmt die motorische Unruhe im Erwachsenenalter bei von ADHS betroffenen Personen zwar ab, stattdessen treten jedoch häufig innere Unruhe und ständige innere Anspannung auf. Im Vordergrund stehen außerdem Symptome wie ein Mangel an Konzentrationsfähigkeit, das Übersehen von wichtigen Details und vorschnelle Entscheidungen. Weiterhin werden Aufgaben von hoher Wichtigkeit immer wieder verschoben und es ist ein Mangel an Geduld und Ausdauer festzustellen. Auch im sozialen Bereich haben Erwachsene mit ADHS Schwierigkeiten; so gelten sie etwa im Umgang als äußerst herausfordernd, da sie sich nur schwer an Termine halten können und als wenig empathisch erscheinen (Lauth, Minsel, 2009).
Erwachsene mit ADHS empfinden Entspannungsverfahren wie die progressive Muskelentspannung oftmals als negativ und gehen häufig Freizeitbeschäftigungen nach, bei denen Adrenalin ausgestoßen wird, wie beispielsweise Joggen bis hin zu Extremsportarten. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass Erwachsene mit ADHS sehr wohl in der Lage sind, sich ausdauernd zu konzentrieren, jedoch nur, wenn sie eine Sache interessiert (Hesslinger/Philipsen/Richter, 2004). Zu den komorbiden Störungen, die am häufigsten gemeinsam mit der ADHS auftreten, zählen Suchterkrankungen (stoffgebunden und stoffungebunden) sowie Ängste, Depressionen und andere affektive Störungen. Weiterhin ist das Risiko, delinquent zu werden erhöht. Studien haben ergeben, dass 20 %-30 % der Inhaftierten unter ADHS leiden (2004, ebd.). Forscher*innen sind in einer Exploration zu dem Ergebnis gekommen, dass der Schweregrad der Delikte bei Menschen mit ADHS höher ist und das Alter, in dem die ersten Straftaten begangen werden, geringer als bei Personen, die nicht an ADHS leiden (Stollhoff, K., 2012). Langzeituntersuchungen von Barkley (2010) weisen darauf hin, dass in Hinblick auf die erhöhte Kriminalität unter ADHS-Erkrankten die komorbide Störung des Sozialverhaltens im Vordergrund steht.
Auch im Bereich der somatischen Erkrankungen haben Menschen mit ADHS ein erhöhtes Risiko. Allergien, Adipositas und Unfälle treten im Vergleich zu Menschen, die nicht an ADHS leiden, gehäuft auf. Ebenso ist eine erhöhte Mortalität bei ADHS-Erkrankten bis zum 18. Lebensjahr zu beobachten.

Behandlungsmöglichkeiten bei ADHS

Viele erwachsene Menschen, die mit ADHS diagnostiziert werden, sehen in weiterer Folge keine Notwendigkeit für eine Behandlung, weil sie im Laufe des Lebens gelernt haben, damit umzugehen. Gemäß den deutschsprachigen Leitlinien ist eine multimodale Therapie auch nur dann indiziert, wenn die ADHS starke Beeinträchtigungen in einem Lebensbereich oder aber leichte Beeinträchtigungen in zwei Lebensbereichen verursacht (Hessliner/Philipsen/Richter, 2004). Im Falle einer psychotherapeutischen Behandlung sollten immer die Komorbiditäten mitbehandelt werden.
Als erste Wahl, bei der Behandlung von ADHS im Erwachsenenalter kommen häufig Medikamente mit dem Wirkstoff Methylphenidat zum Einsatz, bekannt als Ritalin. Der Wirkmechanismus dieser Arzneien zielt darauf ab, die Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin im Gehirn zu erhöhen. Da ADHS häufig damit einhergeht, dass Reize von außen nur schlecht gefiltert werden können, sollen die Medikamente die Konzentrationsfähigkeit und die Aufmerksamkeit erhöhen.

Kritik am Konzept der ADHS

Obwohl die ADHS mittlerweile sehr gut erforscht ist, gibt es Wissenschaftler*innen, welche in ihr eine bloße Modediagnose sehen. Vor allem die medikamentöse Therapie wird häufig kritisiert. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2013 scheint den Kritiker*innen zumindest teilweise recht zu geben: Nachdem der Arztreport der Barmer GEK (Grobe, T., Bitzer, E., & Schwartz, F. 2013) zum Schwerpunktthema ADHS veröffentlicht wurde, kam es zu einem signifikanten Anstieg der Diagnosen der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung und in der Folge auch zu einem Anstieg der Verschreibung des Stimulans Methylphenidat (Schwenk, C. 2015). Viele Forscher*innen stellten sich die Frage, ob eine mangelnde Neutralität in der Diagnosestellung vorliegt und ob aufgrund der Tatsache, dass es gravierende regionale Unterschiede in der Häufigkeit der Diagnosen gibt, teilweise zu progressiv mit der Diagnostik vorgegangen wird. Hier stellt sich jedoch die Frage, inwieweit das Ansteigen der Diagnosen und Verschreibungen nach allgemein- bzw. fachmedialer Berichterstattung ausschließlich auf ADHS beschränkt ist.
In den Massenmedien wird das Thema darüber hinaus häufig im Kontext der Leistungsgesellschaft kritisch betrachtet und darauf hin befragt, ob nicht Leistungsdruck zum starken Anstieg der ADHS-Diagnosen und entsprechender Verschreibungen führte (Schwenk, c. 2015).
Auch hinsichtlich der Validität der Diagnose ADHS bei Erwachsenen sowie bei Kindern und Jugendlichen gibt es kritische Äußerungen. Hervorgehoben wird hier vor allem, dass die diagnostischen Bedingungen sehr vage sind, da sie vor allem dem subjektiven Urteil der untersuchenden Person unterliegen. Viele Forscher*innen betonen jedoch, dass die Diagnosestellung einer ADHS für Betroffene eine große Entlastung sein kann, besonders hinsichtlich der Vorstellung, dass ADHS vor allem genetisch bedingt ist, und den Betroffenen somit das Gefühl gibt, dass die Probleme von außen verursacht werden und sie keine Schuld an ihnen tragen. Auf diesen Punkt richtet sich jedoch wiederum Kritik, da die Diagnose ADHS bei den Betroffenen die Selbstwirksamkeit reduzieren könnte.

Fazit: ADHS bei Erwachsenen

ADHS gilt als die am besten untersuchte und häufigste psychische Erkrankung im Kindes- und Jugendalter; anders als vielfach angenommen tritt sie jedoch auch im Erwachsenenalter auf, wobei die Symptomatik sich im Vergleich zur Ausprägung bei Kindern und Jugendlichen verschieben kann. Komorbiditäten sind dabei sowohl im Kindes- und Jugendalter als auch bei Erwachsenen von großer Bedeutung. Depressionen, Ängste, Störungen des Sozialverhaltens und Süchte machen einen Großteil der Sekundärerkrankungen aus. Die deutlich steigende Anzahl diagnostizierter ADHS-Erkrankungen ist jedoch auch Gegenstand von Kritik, da hierin zum Teil eine einfache Lösung für gesellschaftlichen Leistungsdruck gesehen wird. Kritisiert werden in diesem Zusammenhang vor allem eine großzügige Medikamentenverschreibung und die Tatsache, dass Menschen durch die Diagnose an Selbstwirksamkeit verlieren könnten.

Barkley R.A., Fischer M. The unique contribution of emotional impulsiveness to impairment in major life activities in hyperactive children as adults. J Am Acad Child Adolesc Psychiatry. 2010 May;49(5):503-13. doi: 10.1097/00004583-201005000-00011. PMID: 20431470.
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Döpfner, Manfred. Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS) (Leitfaden Kinder- und Jugendpsychotherapie) (German Edition) (S.17). Hogrefe Verlag. Kindle-Version
Gawrilow, C. (2016). Lehrbuch ADHS: Modelle, Ursachen, Diagnose, Therapie.2.aktualisierte Aufl. Verlag: Ernst Reinhardt, GmbH und Co KG, München.
Grobe, T., Bitzer, E., & Schwartz, F. (2013). BARMER GEK Arztreport 2013. Berlin: Barmer.
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Stollhof, K. (2012). Delinquentes Verhalten bei ADHS-Patienten.in Literatur kompakt | Ausgabe 3/2012
Tschauer, W. & Feuz, S. (2011): ADHS: Ein kritischer Überblick zu einer Modediagnose. In: Bonney, H. (Hrsg.): Neurobiologie für den therapeutischen Alltag.
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