Was ist Gewaltfreie Kommunikation?

Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg

Kann Sprache gewalttätig sein? Allerdings! Nicht umsonst reden wir von einer verbalen Attacke oder fühlen uns von Worten angegriffen bzw. verletzt. Verbale Gewalt ist dabei nicht immer offensichtlich, sondern häufig sehr subtil. Dabei kommt es außerdem nicht nur darauf an, was wir sagen, sondern auch darauf, wie wir es sagen. Besonders deutlich wird das in Konfliktsituationen. Eine Möglichkeit, verbale Gewalt zu vermeiden und stattdessen Bedürfnisse klar und ehrlich, gleichzeitig jedoch wertschätzend zu kommunizieren, bietet die Gewaltfreie Kommunikation (kurz: GFK) nach Marshall B. Rosenberg.

Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg

Das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation geht auf den US-amerikanischen Psychologen Marshall B. Rosenberg zurück. Rosenberg ging davon aus, dass Menschen in der Regel kooperativ sind; dass sie also bereit sind, etwas für andere Menschen zu tun, sofern bestimmte Bedingungen erfüllt sind. Zu diesen Bedingungen zählt nicht zuletzt die Art der sprachlichen Interaktion. Ein Beispiel für eine solche Bedingung der Kooperationsbereitschaft ist eine als Bitte formulierte Frage: Die meisten Menschen sind in diesem Falle deutlich eher kooperationsbereit als bei einer inhaltlich gleichen Forderung. Wird die Frage als Forderung formuliert, erweckt sie eher den Eindruck, eine Pflicht erfüllen zu müssen und führt leicht zu einer negativen Haltung des Gegenübers.

Das Menschenbild, das Rosenberg seiner Gewaltfreien Kommunikation zugrunde legt, geht auf eine Haltung der Humanistischen Psychologie zurück, die in schädigenden Aktionen eines Menschen nicht den Ausdruck seines Wesenskerns sieht, sondern, da sie den Menschen als grundsätzlich ‚gut‘ ansieht, eine fehlgeleitete Strategie, die einem lebensdienlichen Impuls nützen soll.

Dabei bezog sich Rosenberg vor allem auf seinen Lehrer Carl Rogers, an dessen Forschungsprogramm zur Wirksamkeit verschiedener Therapieformen er teilnahm. Rogers identifizierte die Fähigkeit zur Empathie, Aufrichtigkeit und das Prinzip der Gleichwertigkeit als wichtigste Voraussetzungen einer helfenden zwischenmenschlichen Beziehung. Daraus leitete Rosenberg später seine Annahmen zum Gelingen zwischenmenschlicher Kommunikation ab. Voraussetzungen wurden für ihn Respekt vor der individuellen Sichtweise und dem Erfahrungsschatz jedes Einzelnen, einfühlsames Zuhören und ehrliche Selbstkundgabe.
Einen maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung und Ausarbeitung der Gewaltfreien Kommunikation hatten auch Mahatma Gandhis Ansichten zur Gewaltfreiheit. Mit der Benennung seines Konzepts bezieht Rosenberg sich explizit auf Gandhis Gewaltfreien Widerstand.

Weitere Bezeichnungen für die Gewaltfreie Kommunikation sind Einfühlsame Kommunikation, Verbindende Kommunikation, Wertschätzende Kommunikation, Giraffensprache und Sprache des Herzens.

Die Gewaltfreie Kommunikation soll sich auf die vorhandene kommunikative Fähigkeit gründen, sogar unter widrigen Umständen menschlich zu bleiben. Rosenberg ging davon aus, mit seiner Gewaltfreien Kommunikation nicht etwas Neues zu schaffen, sondern lediglich an etwas zu erinnern, das alle Menschen bereits kennen: an die Ursprünge der zwischenmenschlichen Kommunikation. Zentraler Aspekt der Methode ist dabei die Abkehr von gewohnheitsmäßigen Reaktionen durch Reflexion der eigenen Kommunikationspraxis. An die Stelle der gewohnten Reaktionen sollen dabei bewusst formulierte Antworten treten.

Die vier Schritte der Gewaltfreien Kommunikation

Ein zentrales Element der Gewaltfreien Kommunikation nach Rosenberg ist der sogenannte Viererschritt. Vier Schritte sollen dazu führen, dass Konfliktparteien sich besser ineinander hineinfühlen können und gegenseitiges Verständnis entwickeln. Schuldzuweisungen, Bewertungen und Vorwürfe bleiben außen vor.

„Wenn ich 1 sehe (Beobachtung), dann fühle ich 2 (Gefühl), weil ich 3 brauche (Bedürfnis). Deshalb möchte ich jetzt gern 4 (Bitte).“ Marshall B. Rosenberg

Beobachtung – Schritt 1

Die Aufmerksamkeit bei Schritt 1 liegt nicht nur darauf, was genau beobachtet wird, was also getan oder gesagt wurde. Wichtig ist vor allem, dass die Beobachtung wertfrei geschieht. Es wird schlicht und einfach eine Feststellung getroffen. Es wird nicht bewertet, nicht analysiert oder diagnostiziert. Die wertfreie Beobachtung soll dabei helfen, einen konstruktiven Gesprächseinstieg zu finden.

Gefühl – Schritt 2

Im nächsten Schritt gilt es, die eigenen Gefühle wahrzunehmen. Auch dies sollte möglichst wertfrei geschehen. Macht mich das Beobachtete, das, was gesagt oder getan wurde, wütend, traurig, ängstlich, aggressiv, neidisch? Nach der Theorie der Gewaltfreien Kommunikation weisen angenehme Gefühle auf erfüllte Bedürfnisse hin. Unangenehme Gefühle hingegen verweisen auf unerfüllte Bedürfnisse.

Bedürfnis – Schritt 3

Beim dritten Schritt gilt es, den Bedürfnissen, denen das Gefühl entspringt, auf den Grund zu gehen. Wenn das Bedürfnis der einen auf Kosten des Bedürfnisses einer anderen Partei erfüllt wird, entsteht ein Konflikt. Im Rahmen der Gewaltfreien Kommunikation hingegen sollen Lösungen gefunden werden, bei denen die Bedürfnisse aller Beteiligten berücksichtigt werden. Wenn Parteien sich offen über ihre Bedürfnisse und Gefühle austauschen, entstehen Vertrauen und Verständnis anstelle von Streit.

Bitte – Schritt 4

In einem vierten Schritt wird schließlich eine Bitte formuliert, die sich aus den drei vorhergehenden Schritten ergibt. Erst hier – also nach gründlicher Reflexion – wird das Gegenüber mit Wünschen oder Erwartungen konfrontiert. Die Bitte sollte konkret umsetzbar sein und sich auf die aktuelle Situation, auf das Hier-und-Jetzt beziehen.

Die Gewaltfreie Kommunikation bedient sich einer positiven Sprache. Es geht nie darum, was nicht gefühlt wird, was nicht gebraucht oder gewollt wird. Es geht um klare, positive Formulierungen von Bedürfnissen und Gefühlen.

Von Wölfen und Giraffen

Um seinen Ansatz der Gewaltfreien Kommunikation zu verdeutlichen, nutzte Rosenberg das Bild von den Wölfen und den Giraffen bzw. von der Wolfssprache und der Giraffensprache.
Rosenberg bezeichnete Menschen, die Probleme mit der Kommunikation haben, als Wölfe. Die Wolfssprache steht für eine lebensentfremdete Kommunikation. Sie ist die ‚Herrschaftssprache‘, eine Kommunikation, in der nach Schuld gesucht wird und in der es darum geht, einer Obrigkeit zu gehorchen. Kritik, Strafen, Drohungen, Bewertungen, Manipulationen und Forderungen sind Ausdrücke der Wolfssprache. Doch auch vermeintlich Positives wie Analysen, Komplimente, Lob und Belohnung können dazu gehören, wenn sie erstgenannten Zielen dienen. Der Wolf heult los, um seine Bedürfnisse durchzusetzen.
Die Giraffensprache wird auch als Herzenssprache bezeichnet. Rosenberg wählte die Giraffe als Symbol für eine empathische Kommunikation, weil sie das Landtier mit dem größten Herzen ist. Darüber hinaus behält die Giraffe dank ihres langen Halses den Überblick. Sie überschaut die Dinge, ohne sie zu werten. Bei der Unterscheidung zwischen Wolfssprache und Giraffensprache geht es jedoch nicht darum, dass der Wolf für das Böse und die Giraffe für das Gute steht. Sie sollen lediglich unterschiedliche Gewohnheiten im Ausdruck und der Wahrnehmung von Emotionen und Bedürfnissen verbildlichen.

Gewaltfreie Kommunikation in der Praxis

Die Gewaltfreie Kommunikation kann theoretisch in jedem Lebensbereich genutzt werden. Gewaltfreie Kommunikation ist einfach, aber nicht leicht. Vielen mag diese Art der Kommunikation zunächst recht künstlich, gestelzt erscheinen. Hier hilft der Gedanke, dass Rosenberg selbst sein Modell weniger als stets anzuwendende Gesprächstechnik, sondern vielmehr als Hilfestellung sah, um in bestimmten Situationen seinem Gegenüber mit mehr Empathie begegnen zu können und eine bessere Selbstwahrnehmung und damit einen besseren Überblick in der Konfliktsituation zu erlangen. Mit ein wenig Übung lassen sich mit der Anwendung der Methode Gedankenmuster aufdecken und, sofern sie destruktiv sind, vermeiden, womit letztlich aus einem Streit ein friedliches Gespräch werden kann.
Kritiker der Gewaltfreien Kommunikation führen an, dass diese nur funktionieren kann, wenn beide Gesprächspartner sich damit auseinandergesetzt haben und daher nicht alltagstauglich ist. Rosenberg selbst meinte dazu: „Um die GFK anzuwenden, müssen die Menschen, mit denen wir kommunizieren, nicht in der GFK ausgebildet sein. Sie müssen nicht mal die Absicht haben, sich im Kontakt mit uns einfühlsam zu verhalten. Wenn wir selbst mit den Prinzipien der GFK im Einklang bleiben – einzig und allein, um einfühlend zu geben und zu nehmen – und alles tun, was wir können, um anderen zu vermitteln, dass dies unser einziges Motiv ist, dann werden sie mit uns in den Prozess hineingehen und wir sind am Ende in der Lage, einfühlsam miteinander zu kommunizieren. Ich sage nicht, dass es immer schnell geht. Aber ich bleibe dabei, dass sich das Einfühlungsvermögen unvermeidlich entfaltet, wenn wir den Prinzipien der GFK treu bleiben.“ (Marshall B. Rosenberg in: Gewaltfreie Kommunikation. S. 20)
Problematisch kann die Gewaltfreie Kommunikation werden, wenn sie nicht nach dem Prinzip der Gleichwertigkeit eingesetzt wird und Anwender sie mit einem Überlegenheitsgefühl gebrauchen. In diesem Fall stellt ein grundlegendes moralisches Überlegenheitsgefühl eine Bewertung dar – und konterkariert damit das Grundkonzept. Auch wenn beispielsweise in Unternehmen eine Gewaltfreie Kommunikation verordnet wird, birgt die Anwendung das Potential von Missbrauch. Denn wenn die innere Haltung fehlt, „entpuppt sich hinter der vermeintlich empathischen Hülle schnell ein Wolf im Giraffenkostüm“, so der Sozialwissenschaftler und Publizist Sebastian Friedrich. Friedrich verweist dabei auf die Anwendung von Gewaltfreier Kommunikation zur Durchsetzung betriebswirtschaftlicher Forderungen.

Quellen:
Friedrich, Sebastian: Lexikon der Leistungsgesellschaft #24: Gewaltfreie Kommunikation. In: analyse & kritik. Nr. 612, 19. Januar 2016, S. 2.
Rosenberg, Marshall B.: Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens. Überarbeitete und erweiterte Neuauflage. Junfermann Verlag, Paderborn 2001.
Rosenberg, Marshall B.; Konflikte lösen durch Gewaltfreie Kommunikation. Ein Gespräch mit Gabriele Seils. Verlag Herder, Freiburg, 2004.

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