Gewaltfreie Kommunikation in der Familie

Konfliktsituationen innerhalb der Familie sind häufig emotional aufgeladen. Leicht kommt es in solchen Momenten zu verbalen Auseinandersetzungen. Und besonders im hierarchischen Gefälle zwischen Erwachsenen und Kindern oder älteren und jüngeren Geschwistern fühlen sich die jüngeren, verbal unterlegenen Familienmitglieder oft herabgesetzt oder missverstanden. Als „Sprache des Lebens“ soll die Gewaltfreie Kommunikation (GFK) nach Marshall B. Rosenberg auch innerhalb der Familie anwendbar sein, Konflikten vorbeugen oder diese lösungsorientiert und auf respektvolle Weise beilegen können. Durch die Verbildlichung des Konzepts als Giraffensprache, brachte Rosenberg diese Form der Kommunikation spielerisch Kindern nahe.

Wertungsfreie und lösungsorientierte Konfliktbearbeitung in der Familie

Marshall B. Rosenberg führte mit Seminarteilnehmer*innen ein bestimmtes Experiment immer wieder durch: Die Teilnehmer*innen wurden in zwei Gruppen unterteilt und sollten sich vorstellen, sie kämen nach Hause und ärgerten sich über Chaos im Eingangsbereich. Es kommt zu einem Konfliktgespräch mit dem*der vermeintlichen Verursacher*in. Die Teilnehmer*innen sollten nun einen entsprechenden Dialog entwickeln. Dabei sollte die eine Gruppe davon ausgehen, das eigene Kind habe das Chaos verursacht. Die andere Gruppe sollte annehmen, der*die eigentlich sympathische Nachbar*in sei verantwortlich.
Es fiel auf: Die Teilnehmer*innen, die einen Dialog mit einem*einer imaginären Nachbar*in entwarfen, blieben lösungsorientiert und respektvoll. Die Dialoge mit den Kindern hingegen endeten in Vorwürfen und gestalteten sich wenig wertschätzend. Erwachsene reden mit Kindern – vor allem mit den eigenen Kindern – in der Regel anders als mit anderen Erwachsenen. Diese Art, in der Eltern mit ihren Kindern reden, lässt aus einer inhaltlichen Differenz schnell einen handfesten Konflikt entstehen, bei dem es um mehr geht als den eigentlichen Ursprung der Diskussion. Vorwürfe und Verallgemeinerungen sorgen dafür, dass sich das Kind herabgesetzt, bevormundet und wenig wertgeschätzt fühlt. Anstatt eine gemeinsame Lösung zu finden, verhärten sich die Fronten. Die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg findet hier eines der wohl produktivsten Anwendungsfelder: Sie soll auch in Familien zu einer lösungsorientierten, wertungsfreien Kommunikation in Konfliktsituationen führen.
Eine Grundlage der GFK besteht darin, das Gegenüber nicht durch Manipulation, Vorwürfe, Drohungen oder Überredung dazu zu bringen, zu tun, was wir wollen. Bei der GFK geht es vielmehr um wertfreie Feststellungen zu einer Situation, um das Formulieren von Gefühlen und Bedürfnissen und um die Bitte um die Erfüllung dieser Bedürfnisse.

Beschützende und bestrafende Macht

Die GFK im Alltag mit Kindern anzuwenden, bedeutet nicht, dass sie in jeder Situation zum Tragen kommen sollte. Gewisse Situationen – gerade im Leben mit kleineren Kindern – erfordern schnelles und klares Handeln. Die Gewaltfreie Kommunikation trägt folglich nicht in jeder denkbaren Situation zur bestmöglichen Lösung bei. Hilfreich zur Verdeutlichung ist hier die Unterscheidung zwischen beschützender und bestrafender Macht.
Wenn das Kind durch sein Verhalten sich oder andere in akute Gefahr bringt, ist nicht die Zeit für einen Dialog nach der GFK. Die GFK unterscheidet daher zwischen beschützender und bestrafender Macht. Der Einsatz beschützender Macht verhindert Verletzungen und Ungerechtigkeit. Rennt das Kleinkind auf eine Straße zu, ist Handeln gefragt und keine Zeit für Gespräche. Die Situation muss sofort gelöst und das Kind liebevoll, aber bestimmt festgehalten werden. Im Nachhinein kann eine solche Situation aber durchaus nach den Regeln der GFK besprochen werden.
Bei der bestrafenden Macht hingegen ist es das Ziel, Menschen für eine Regelverletzung leiden zu lassen. Ein Beispiel hierfür wäre, einem Kind den Nachtisch zu verweigern, weil es sich bei der Hauptmahlzeit schlecht benommen hat. Der Einsatz bestrafender Macht ist der Lösung einer Konfliktsituation in ihren Grundsätzen wenig dienlich.

Konflikte und Bedürfnisse im Familienleben

Langfristig wollen Eltern ihre Kinder zu sozialer Kompetenz führen. Kurzfristig geht es meist vor allem um ein harmonisches Familienleben, in dessen Rahmen die Bedürfnisse aller Familienmitglieder ernst genommen und berücksichtigt werden. Doch in der Praxis gestaltet sich dies schwierig, wenn die Bedürfnisse von zwei oder mehr Familienmitgliedern in direktem Konflikt miteinander stehen.
In solchen Fällen soll die GFK vermittelnd eingesetzt werden und zu einer gemeinschaftlichen Lösungsfindung beitragen. Dabei gilt die Annahme, dass Kinder grundsätzlich kooperativ sind und ein eigenes Interesse daran haben, sich in eine Gemeinschaft einzubringen und zu integrieren. Als unangemessen empfundenes Verhalten von Kindern wird auf Frustrationen zurückgeführt, wie sie entstehen, wenn Kinder sich nicht gesehen fühlen oder ihre Bereitschaft zur Kooperation übergangen wird.

Exkurs: kindliche Kooperationsbereitschaft

Unsere Bereitschaft zur Kooperation basiert darauf, dass eine geteilte Intentionalität (grob: Kooperationsfähigkeit und -bereitschaft zur gemeinsamen Zielerreichung) für den Menschen ab einem gewissen Punkt in der evolutionären Entwicklung essentiell für die Nahrungsbeschaffung wurde. Individuen, die über dieses Können und Wollen verfügten, profitierten stärker von der gemeinschaftlichen Lebensweise als jene, die dies nicht taten. Wie Untersuchungen zeigen, ist die geteilte Intentionalität schon bei Kleinkindern erkennbar. Bereits sehr junge Kinder können gemeinsame Ziele setzen, Aufmerksamkeit herausbilden und zugleich die damit verbundenen individuellen Rollen und Perspektiven abschätzen.
Die menschliche Neigung zur Kooperation ist eine Grundbedingung für das Gelingen der Gewaltfreien Kommunikation, denn diese basiert auf dem Konzept der Freiwilligkeit. Wer nach der GFK mit der Bitte um die Erfüllung eines Bedürfnisses an sein Gegenüber herantritt, muss auch eine negative Antwort in Kauf nehmen.

Gewaltfreie Kommunikation im Familienalltag

Gewaltfreie Kommunikation in der Familie
Etan J. Tal, MarshallRosenberg1990, CC BY-SA 3.0

Grundsätzlich gestaltet sich die GFK mit Kindern nach den gleichen Schritten wie unter Erwachsenen. An erster Stelle steht die Beobachtung: Die Situation wird festgestellt und neutral beschrieben. Im zweiten Schritt werden die Gefühle benannt und beschrieben, die durch die Beobachtung ausgelöst werden. Im dritten Schritt wird das Bedürfnis erklärt, das mit den Gefühlen einhergeht. Im vierten und letzten Schritt wird eine Bitte formuliert.
Dabei wird die Gewaltfreie Kommunikation nicht nur von den Eltern angewendet. Schon Kinder können die Grundprinzipien lernen. Hilfreich ist dabei, dass Marshall Rosenberg mit seiner anschaulichen Beschreibung der GFK als Giraffensprache und der gegenteiligen Kommunikation, die sich Drohungen und Manipulationen bedient, als Wolfssprache bereits eine sehr kindgerechte Veranschaulichung des Prinzips mitlieferte. Tatsächlich erschien Rosenberg zu seinen Seminaren oftmals mit einer Giraffen- und einer Wolfshandpuppe. Bedürfniskarten können Kinder dabei unterstützen, ihre eigenen Wünsche in Worte zu fassen.
Kritiker der GFK führen oft das Argument an, dass sich diese Art der Kommunikation nicht natürlich anfühlt, nicht authentisch sei und im Alltag gekünstelt wirkt. Dabei darf nicht übersehen werden, dass auch alle anderen verbalen ‚Werkzeuge‘ bzw. Kommunikationsstrategien, die wir in Konfliktsituationen nutzen, erlernt sind. Die GFK bedeutet demnach ein Umlernen, das sicher einiges an Übung erfordert. Bis die Prinzipien der GFK verinnerlicht sind und man sich ihrer in Konflikten automatisch bedient, dauert es eine Weile, doch dann klingt diese Art der Konfliktlösung genauso authentisch und natürlich wie alle anderen.

Quellen:
Rosenberg, Marshall B.: Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens. Überarbeitete und erweiterte Neuauflage. Paderborn, Junfermann Verlag, 2016.
Rosenberg, Marshall B.; Konflikte lösen durch Gewaltfreie Kommunikation. Ein Gespräch mit Gabriele Seils. Verlag Herder, Freiburg, 2004.
Hamann, Katharina; Tomasello, Michael: Kooperation bei Kleinkindern. München. Online verfügbar unter: https://www.mpg.de/4658054/Kooperation_bei_Kleinkindern [21.09.21]

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