Resilienz – zwischen Fatalismus und Neoliberalismus

Resilienzkritik, Neoliberalismus, Fatalismus

Christina Berndts Buch Resilienz. Das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft stand zwei Jahre lang auf der Spiegel-Bestsellerliste und möchte „Hornhaut auf der Seele“1 wachsen lassen. Die EU möchte für die Zukunft resilienter werden2 und in unzähligen Unternehmen werden Resilienztrainings angeboten. Doch was hat es mit dem Konzept der Resilienz auf sich und in welchem Verhältnis steht Resilienz zu Fatalismus und Neoliberalismus? Der vorliegende Artikel möchte das Thema kritisch beleuchten.

Was ist Resilienz?

Der Begriff der Resilienz ist seit etwas mehr als fünfzig Jahren in der Psychologie bekannt. Damals wurde im Rahmen einer Beobachtungsstudie mit Kindern, die unter widrigen Umständen aufwuchsen, festgestellt, dass ein Teil dieser Kinder trotz der Umstände des Aufwachsens keinen Schaden nahm – sie wurden als resilient bezeichnet. Das lateinische Verb resilire, auf welches der Begriff der Resilienz zurückgeht, bedeutet etwa abprallen und beschreibt das Konzept damit sehr gut: Resiliente Menschen sind weitgehend immun gegen äußere Einflüsse. Bedingungen und Ereignisse, die bei vielen Menschen traumatisch oder anderweitig massiv störend wirken würden, scheinen an ihnen abzuprallen.

Die Beobachtung, dass es besonders resiliente Menschen gibt, wiederum hat Pädagog*innen wie Psycholog*innen dazu bewegt, sich auf die Suche nach den Gründen dieser besonderen Widerstandskraft zu begeben. Dass sie nützlich ist, wird dabei auf gleich zwei Ebenen vorausgesetzt: Wer einstecken kann, leidet weniger und ist darüber hinaus in der Regel produktiver. Vor diesem Hintergrund erscheint es wenig überraschend, dass Resilienztrainings und entsprechende Ratgeberliteratur boomen. Führungskräfte lassen sich coachen, um durch gesteigerte Resilienz Burn-outs zu vermeiden1; Soldat*innen sollen resilienter gemacht werden, um zumindest psychisch nahezu unverwundbar zu sein2; einige Forschende schlagen vor, Resilienzaufbau im Kindes- und Jugendalter zu fördern, um die Folgen von Mobbing abzumildern oder gar nicht erst Opfer von Mobbing zu werden.3

Doch was implizieren Resilienztrainings und Forderungen nach der institutionellen Etablierung derartiger Programme? Welche Weltsicht und welcher Anspruch an Gesellschaft und Mitmenschen stehen hinter der Forderung nach mehr Resilienz?

Resilienz und Fatalismus

Maja Beckers stellt in ihrem Essay für die ZEIT die zentrale Implikation des Resilienzdenkens heraus: „Der resiliente Mensch hat erkannt, dass sein Einfluss auf die Welt begrenzt ist“.4 Was zunächst einsichtig klingt, wird im Rahmen des Resilienzdenkens in übersteigerter Form propagiert: Der resiliente Mensch hat nicht nur – zutreffenderweise – erkannt, dass sein Einfluss auf die Welt begrenzt ist; er hat auch – und das ist der entscheidende Punkt – die Überzeugung gewonnen, dass das Streben nach Erweiterung seines Wirkbereichs, dass jegliches Nutzen der Möglichkeiten zur Veränderung der Welt nutzlos, die Mühe nicht wert oder illusorisch ist. Der resiliente Mensch ist damit fatalistisch eingestellt: Der Zustand der Welt, in dem er sich unverschuldet vorfindet, erscheint ihm als unveränderliches oder aus anderen Gründen hinzunehmendes Schicksal, weshalb nicht nach Veränderung, sondern nur nach Aushaltenkönnen gestrebt wird.

Ideengeschichtlich steht der Resilienzgedanke damit im Erbe der Stoa, deren oberstes Ziel die Ataraxia, die Seelenruhe ist. Wer der Lehre der Stoa folgt, strebt danach, jegliche emotionale Bindung an die Welt zu kappen, jegliche Investition in die Welt einzustellen, jegliches politisch-emanzipatorische Streben aufzugeben. Der*die Stoiker*in will stattdessen ein Fels in der Brandung sein, an welchem die Wässer der Welt abprallen: Seelenruhe erreicht, wer sich bedingungslos in sein als unveränderbar verstandenes Schicksal fügt.

Stehen hinter der stoischen Ethik metaphysische Überlegungen zum alles durchwaltenden Logos, der das jeweilige Schicksal bestimmt und in dessen Ordnung der Mensch sich als Teil des Ganzen widerstandslos einzufügen habe, verzichtet die Resilienzideologie auf derartige theoretische Untermauerungen ihrer Forderungen: Dass die Welt alternativlos und/oder schlicht zu akzeptieren sei, wird in der heutigen Resilienzliteratur trotz der Notwendigkeit dieser Annahme zur Begründung der zentralen Forderungen nicht reflektiert oder gar begründet.

Die Folgen der Etablierung des Resilienzdenkens und entsprechender Coachings sind damit fatal: Gesellschaftliche Veränderungen und das Ausräumen unhaltbarer Zustände werden ersetzt durch eine Mentalität der Steigerung der eigenen Abwehrkräfte. Der zentrale Angriffspunkt verschiebt sich damit von der Wurzel des Problems hin zu den Leidtragenden. Illustrieren lässt sich das etwa unter Rückgriff auf die von Hinduja und Patchin vorgeschlagenen Resilienztrainings im Rahmen der Mobbingprävention. Durch diese Fokusverschiebung werden nicht das Verhalten der Mobbenden oder die Strukturen, die die Entstehung von Mobbing begünstigen, problematisiert, sondern ganz im Gegenteil die Opfer. Diese Fokusverschiebung impliziert damit eine Schuldhaftigkeit der Opfer, die auf ihre zu geringe Resilienz zurückzuführen ist. Äquivalentes lässt sich etwa für Resilienzbemühungen im Arbeitsumfeld feststellen: Statt der belastenden Arbeitsbedingungen rücken hier die fehlenden Abwehrkräfte der Arbeitenden ins Zentrum der Problematisierung.

Eine Gesellschaft, die sich zunehmend dem Konzept der Resilienz verschreibt und in der Steigerung individueller wie kollektiver Resilienz die Lösung der meisten ihrer Probleme sieht, festigt damit den status quo, den sie unkritisch als gegeben und zu akzeptieren annimmt.

Resilienz und Neoliberalismus

Dass das Resilienzdenken gerade in der heutigen Zeit virulent wird, lässt sich vor dem Hintergrund des Gezeigten kaum als zufällig verstehen. Einzuordnen ist es vielmehr in die grundsätzlich neoliberal-kapitalistischen Funktionsnormen und -systematiken heutiger Gesellschaftsorganisation. Sinnvoll ist Resilienz auf gesamtgesellschaftlicher Ebene vor allem, wenn bestehende Verhältnisse, die zuungunsten der Einzelnen arbeiten, gestützt werden sollen. Genau das wiederum ist im Rahmen des kapitalistischen Wachstumszwangs nötig: Um immer weiteres Wirtschaftswachstum zu erreichen, müssen Arbeitende vorhanden sein, die immer mehr zu leisten bereit sind – oder aber immer mehr Arbeitende, was jedoch kaum umsetzbar ist. Ein solches System profitiert von der Annahme, Schwächen seien individueller Natur und müssten dementsprechend auf individueller Ebene behandelt werden, da die systemimmanente Genese von Überlastungserscheinungen so als ausgeschlossen erscheint. Das Konzept der Resilienz reiht sich ein in diese neoliberalen Überlegungen, in denen der*die Einzelne in einer als alternativlos verstandenen kapitalistischen Welt Unternehmer*in seiner*ihrer selbst ist, nahtlos ein: Er*Sie trägt das unternehmerische Risiko seiner*ihrer Existenz in der kapitalistischen Welt selbst, ist selbst für Reparatur und Prävention verantwortlich und kann sich nicht auf die schädigenden Wirkung des wirtschaftlich-sozialen Kontextes, in dem sich seine*ihre Existenz vollzieht, berufen und diese mit dem Ziel der Veränderung anklagen, da das erstens die angenommene Alternativlosigkeit infrage stellen und zweitens dem Prinzip radikalen Selbstunternehmer*innentums entgegenstehen würde. Ganz in diesem Sinne lässt sich die u.a. von Harzhauser herausgestellte vierte Säule der Resilienz verstehen: „Raus aus der Opferrolle“.5

In diesem Punkt zeigt sich ferner in deutlichster Form der im Bisherigen bereits implizit angeklungene starke Unterschied zur stoischen wie zu anderen fatalistischen Konzeptionen: Im neoliberalen Resilienzdenken ist zwar die Welt außerhalb der eigenen Person nicht veränderbar, sehr wohl jedoch die eigene Person. Dieser Gedanke wiederum zeitigt, wird er in radikaler Form entfaltet, die bereits aufgezeigte Wirkung der Schuldumkehr, die sich im Slogan „Raus aus der Opferrolle“6 plakativ zementiert: Wer nicht resilient genug war, trägt die Schuld an seinem Scheitern. Das wiederum lässt sich, wie das Mobbingbeispiel zeigt, auch über den im engeren Sinne wirtschaftlichen Kontext ausdehnen. So ist dem Resilienzdenken zufolge nicht nur die überforderte Führungskraft selbst schuld an ihrer Überforderung, sondern etwa auch die traumatisierte Person an ihrer Traumatisierung. Dass äußere Umstände widrig sind, muss dabei indes nicht einmal bestritten werden, sofern sie als alternativlos akzeptiert werden: In diesem Falle ist das Ansetzen an der Einzelperson schlicht die einzige Möglichkeit der Abwehr, sodass es statthaft erscheint, die Verantwortung einzig im individuellen Bereich anzusiedeln.

Fazit: Resilienz kritisch betrachtet

Zusammenfassend lässt sich der Kern des Resilienzkonzepts damit ausmachen in der Forderung, die Möglichkeit, die eigene Person zu verändern, dahingehend zu nutzen, eine ansonsten nicht veränderbare Welt auszuhalten, um sich wie gefordert in ihre Wirkmechanismen einfügen zu können. Konformismus, die unendliche Reproduktion vorhandener Verhältnisse, die Verunmöglichung gesellschaftlicher Veränderung und letztlich Resignation sind damit die zentralen Folgen eines solchen Konzepts: Es hat das Potential, „alle Versuche auszuhebeln, die Dinge anders zu machen, um die Zukunft zu gestalten“.7 Seine immer stärkere, auch institutionelle, Etablierung sollte daher kritisch betrachtet werden. Hieran arbeitet etwa die NGO Medico International.

Literatur:
1. Vgl.: http://christina-berndt.de/books/
2. Vgl. Advisory Group on Societal Challenge 6 (2014): Resilient Europe. Societal Challenge 6: Europe in a changing world – inclusive, innovative and reflective societies. Online verfügbar unter: https://ec.europa.eu/programmes/horizon2020/sites/default/files/SC6-Advisory-Group%20report%20for%202016-2017.pdf [03.09.21].
3. Vgl. Harzhauser, Elisabeth (2021): So verhinderst du ein Burnout. Online verfügbar unter: https://www.harzhauser-beratung.at/post/resilienztraining-so-verhinderst-du-ein-burnout [03.09.21].
4. Vgl. Gebauer, Thomas (2015): Resilienz & neoliberale ‚Eigenverantwortung‘. Online verfügbar unter: https://www.medico.de/resilienz-neoliberale-eigenverantwortung-15984 [03.09.21].
5. Vgl. Hinduja, Sameer; Patchin, Justin W. (2017): „Cultivating youth resilience to prevent bullying and cyberbullying victimization”. In: Child Abuse and Neglect. Volume 73. S. 51-62. https://doi.org/10.1016/j.chiabu.2017.09.010
6. Beckers, Maja (2021): „Die Seelen-Prepper”. In: ZEIT ONLINE. Online verfügbar unter: https://www.zeit.de/kultur/2021-02/resilienz-psychologie-neoliberalismus-individuum-essay [03.09.21].
7. Harzhauser, Elisabeth (2021): So verhinderst du ein Burnout. Online verfügbar unter: https://www.harzhauser-beratung.at/post/resilienztraining-so-verhinderst-du-ein-burnout [03.09.21].
8. Ebd.
9. Beckers, Maja (2021): „Die Seelen-Prepper”. In: ZEIT ONLINE. Online verfügbar unter: https://www.zeit.de/kultur/2021-02/resilienz-psychologie-neoliberalismus-individuum-essay [03.09.21].

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