Das Menschenbild der Humanistischen Psychologie

Humanistische Psychologie: Menschenbild

Wird über Psychotherapie gesprochen, fällt häufig das Schlagwort der Humanistischen Psychologie. Als Hauptvertreter*innen dieser Schule, die – wie noch herauszustellen sein wird – weniger therapeutische oder psychologische, sondern vielmehr anthropologische Aussagen trifft, werden meist Carl Rogers, Abraham Maslow und Virginia Satir genannt, die die American Association for Humanistic Psychology gründeten und jeweils eigene Theorien und/oder Methoden ausarbeiteten. Der vorliegende Artikel möchte der Frage nachgehen, was die sog. Humanistische Psychologie auszeichnet und was die zahlreichen Ansätze, die unter diesem Begriff zusammengefasst werden, gemein haben.

Humanistische Psychologie als anthropologische Theorie

Kern der Humanistischen Psychologie ist ihr Menschenbild. Ein gemeinsames Programm der unterschiedlichen therapeutischen Schulen und Theorien lässt sich kaum finden. Gemein sind all jenen Strömungen, die zur Humanistischen Psychologie und Psychotherapie gezählt werden, jedoch ihre zentralen Annahmen über das, was den Menschen ausmacht. Dieses anthropologische Programm ist indes relativ simpel und lässt sich vor allem verstehen, wenn es in den ideengeschichtlichen Kontext, in dem es entstanden ist, eingeordnet wird.

Zur Zeit, in der die Humanistische Psychologie sich zu etablieren begann, herrschten im Bereich der Psychologie und Psychotherapie die Psychoanalyse sowie der Behaviorismus mit ihren konträren Grundannahmen vor. Vereint werden diese beiden Theoriegebäude lediglich dadurch, dass sie den Menschen in letzter Konsequenz als weitgehend determiniertes Wesen verstehen. In der Psychoanalyse ist er seinen Trieben sowie der Funktionsweise seiner weitgehend als autonom gedachten Psyche unterworfen, während er im Behaviorismus überspitzt gesagt als Automat, der bloß auf äußere Reize reagiert und umprogrammiert werden kann, verstanden wird. Die Humanistische Psychologie stellt diesen Theorien ein radikal anderes Menschenbild entgegen: Sie versteht den Menschen als freies Wesen, das in der Lage ist, über sich selbst zu bestimmen.

Diese recht simpel erscheinende Grundannahmen hat explosive Folgen: Ist es der Mensch selbst, der über sich entscheidet, kann die Aufgabe der Psychologie nicht mehr darin bestehen, sich auf neurobiologische Fragen, auf Triebtheorie oder Reiz-Reaktions-Muster zurückzuziehen; an die Stelle der Psychologie muss vielmehr die Anthropologie treten bzw. die Psychologie muss als Anthropologie betrieben werden. In Frage steht nun nicht mehr, unter welchen äußeren Umständen was mit dem Menschen geschieht oder wie sich Triebbefriedigung oder -unterdrückung auf den Menschen auswirkt, sondern vielmehr der Mensch selbst: Was also ist der Mensch, wodurch zeichnet sich das Menschsein aus und was will der Mensch?

Die Humanistische Psychologie gibt Antworten auf diese Fragen, die als grundlegende Prämissen der praktischen Arbeit im Sinne der Humanistischen Psychologie und als Ausgangspunkte der unterschiedlichen Theorien dieses Spektrums verstanden werden müssen:

  • Der Mensch ist nicht determiniert; er ist vielmehr frei, über sich selbst zu entscheiden.
  • Der Mensch ist nicht als Summe seiner Teile zu verstehen, sondern als Ganzheit.
  • Der Mensch ist immer eingebunden in zwischenmenschliche Kontexte und folglich immer in diesen zu betrachten.
  • Der Mensch vollzieht seine Existenz in der Ausrichtung auf selbstgesetzte Ziele.

Die Humanistische Psychologie ist – wie ihre zentralen Grundannahmen zeigen – am Menschen selbst interessiert. Zentrale direkte oder indirekte Bezugspunkte der Humanistischen Psychologie sind vor allem die Existenzphilosophie, die das als frei und uneingeschränkt für sich selbst verantwortlich verstandene Individuum in den Vordergrund rückt, die Gestaltpsychologie, die die Ganzheitlichkeit des Menschen betont und einen Partikularismus ablehnt, die Phänomenologie, die einen Zugang zur Welt über konkrete lebensweltliche Phänomene sucht, sowie die heterogene humanistische Tradition, deren größte Gemeinsamkeit in der Betonung der Exzeptionalität und Bildungsfähigkeit des Menschen besteht.

Konsequenzen für die therapeutische Praxis

Nachdem die Konsequenzen für die Psychologie als Wissenschaft geklärt sind, stellt sich die Frage nach der psychologischen Praxis. Festzustellen ist hier zunächst, dass im Mittelpunkt des Interesses der Humanistischen Psychologie von Beginn an die Psychotherapie stand – andere Disziplinen angewandter Psychologie fanden hingegen kaum Beachtung. Für die psychotherapeutische Praxis der Humanistischen Psychologie, die unter dem Schlagwort der Humanistischen Psychotherapie zusammengefasst wird, bedeutet das zunächst, dass sie sich auf das jeweilige Individuum, mit dem gearbeitet wird, einlassen muss. Weitgehend standardisierte Behandlungsabläufe wie sie in behavioristisch orientierten Therapiemodellen zum Einsatz kommen, verbieten sich, wenn der Mensch als freies, ganzes Wesen verstanden wird.

Bevor jedoch an psychischen Problemen gearbeitet werden kann, stellt sich die Frage nach ihrer Genese: Nur, wenn die Ursachen bekannt sind, kann zielgerichtet gearbeitet werden. Auf die Frage nach der Genese psychischer Erkrankungen gaben die verschiedenen Vertreter*innen sehr ähnliche Antworten, die im Kern meist darauf zielen, dass der Mensch psychisch erkrankt, wenn seine Werdensmöglichkeiten gegen seinen Willen begrenzt werden. Zentral ist hier der von Kurt Goldstein geprägte Begriff der Aktualisierungstendenz: Der Mensch strebt danach, seine Unabhängigkeit, seine Selbstbestimmung und sein Entwicklungspotential beständig zu aktualisieren, es also zu erhalten. Wird diese Aktualisierung durch äußere Einflüsse blockiert, kommt es zu psychischen Problemen. In den einzelnen Theorien, die zur Humanistischen Psychologie und Psychotherapie gezählt werden, wurde diese zentrale Annahme zum Teil um weitere ergänzt oder modifiziert.

Die Humanistischen Psychotherapien zielen, den genannten Leitbildern folgend, weniger darauf, die Patient*innen zum Erlernen bestimmter Verhaltensweisen zu animieren oder Zentralkonflikte bewusst zu machen, sondern vielmehr auf die Unterstützung bei der eigenständigen Bewältigung der Probleme und der damit verbundenen persönlichen Weiterentwicklung. Dementsprechend handelt es sich um nichtdirektive Verfahren, die vor allem Reflexions- und Entfaltungsräume eröffnen, über deren konkrete Nutzung die Patient*innen selbst entscheiden.

Methodisch-praktische Vielfalt in der Humanistischen Psychotherapie

In der Praxis haben sich zahlreiche, im Detail sehr verschiedene Umsetzungen, die allesamt auf das genannte Menschenbild rekurrieren, herausgebildet. Bekanntester Vertreter der Humanistischen Psychologie und Psychotherapie ist Carl Rogers mit seiner personenzentrierten Gesprächspsychotherapie, die vom Menschenbild der Humanistischen Psychologie ausgeht, daneben aber zahlreiche weitere Annahmen trifft, die für den therapeutischen Prozess von Bedeutung sind. So stellt Rogers etwa die zentrale Bedeutung eines kongruenten Selbstkonzepts für die psychische Gesundheit heraus. Ferner bedeutsam sind Abraham Maslow mit seiner Theorie der Bedürfnisse des Menschen und der damit verbundenen Theorie zur Ätiologie psychischer Erkrankungen sowie Virginia Satir, die die Familientherapie begründete. Wer darüber hinaus zum Kreis der Theoretiker*innen der Humanistischen Psychotherapie gezählt werden kann, ist umstritten.

Festzuhalten ist jedoch, dass die Humanistische Psychotherapie kein einheitliches Modell zur Erklärung psychischer Erkrankungen oder zu ihrer Behandlung anbietet. Die verschiedenen Theorien und Methoden stimmen in ihrem Menschenbild überein und weisen daher in ihren Ansätzen zahlreiche Übereinstimmungen auf, unterschieden sich im Detail jedoch zu stark, um unkritisch unter einem gemeinsamen Label subsumiert werden zu können.

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