Angst und Furcht bei Jean-Paul Sartre

Angst und Furcht bei Sartre

Angst und Furcht sind Begriffe, die alltagssprachlich häufig synonym verwendet werden. Ein Blick in die Existenzphilosophie, die vor allem die Angst immer wieder ins Zentrum ihrer Betrachtungen rückt, erscheint zur Differenzierung der beiden Begriffe und damit verbunden zur Differenzierung zweier differenter Erlebensweisen hilfreich. Der vorliegende Artikel möchte in diesem Sinne die Differenzierung, die Jean-Paul Sartre in seinem Hauptwerk Das Sein und das Nichts vornimmt, nachzuvollziehen versuchen.

Ontologische Vorbedingungen: An-sich und Für-sich

Zum Verständnis des Angstbegriffs nach Sartre ist zunächst ein Grundverständnis der in Das Sein und das Nichts dargelegten Ontologie nötig, da die von Sartre beschriebene Angst sich direkt aus den Bedingungen des Seinsmodus des Für-sich ergibt.

An-sich und Für-sich stellen in Sartres Werk zwei Seinsbereiche dar, die sich in ihrer ontologischen Struktur grundlegend unterscheiden. Dem Bereich des An-sich zugehörig sind all jene Entitäten, die sind, was sie sind.1 Dieser zunächst tautologisch erscheinenden Definition stellt Sartre die kontradiktorische Definition des Für-sich gegenüber: Dieses Für-sich ist „das seiend, was es nicht ist, und […] nicht das seiend, was es ist“.2

Auflösen lassen sich die zunächst diffizil und wenig produktiv erscheinenden Definitionen der beiden Seinsregionen durch eine nähere Betrachtung ihrer jeweiligen Qualitäten. So zeichnet das An-sich sich zentral dadurch aus, dass es „volle Seinspositivität“ 3 ist: Es ist das Sein der bewusstlosen Dinge, die nicht intentional auf etwas gerichtet sein und das, als welches sie in die Welt kommen, damit niemals transzendieren können. Das An-sich ist folglich dadurch gekennzeichnet, dass es ganz darin aufgeht, zu sein: Ihm fehlt jede Möglichkeit von Intentionalität, Transzendenz und Alterität. Damit ist es – und das ist ein weiterer zentraler Unterschied zum Für-sich – ganz mit sich identisch.

Dieses Für-sich wiederum ist der Seinsmodus des Bewusstseins: Jedes Bewusstsein ist intentional, also auf etwas gerichtet, womit Transzendenz, die aufgrund des intentionalen Gerichtet-seins-auf des Bewusstseins als „konstitutive Struktur des Bewußtseins“4 verstanden werden muss, entsteht. Dadurch, dass das Bewusstsein immer auf Objekte gerichtet ist, durch seine Intentionalität und die dadurch bedingte Transzendenz, ist in ihm immer etwas, das nicht es selbst ist, womit es ihm „an einer bestimmten Koinzidenz mit sich selbst mangelt“.5 Hinzu kommt das Selbst-Bewusstsein des Bewusstseins, das die Nicht-Identität verstärkt: Dadurch, dass das Bewusstsein reflexiv ist und seine eigenen Inhalte thematisiert, entfremdet es sich von sich selbst. Sartre illustriert dies am Beispiel des Glaubens, indem er darauf verweist, dass Glaube volle Überzeugung bedeute; durch die Reflexivität des Bewusstseins erkennt dieses den eigenen Glauben jedoch als Glauben, womit der Glaube nicht mehr volle Überzeugung und damit nicht mehr Glaube sein kann: „Durch die bloße Tatsache […], daß mein Glaube als Glaube erfasst wird, ist er nur noch Glaube, das heißt daß er schon nicht mehr Glaube ist, sondern getrübter Glaube“.6 Die Intentionalität des Bewusstseins sowie seine Reflexivität lassen eine völlige Identifikation und Identität entsprechend nicht zu.

Als wesentlicher Faktor des Für-sich kommt seine Unbestimmtheit hinzu. Der Mensch, nur dieser ist nach Sartre dem Seinsmodus des Für-sich zuzuordnen, kann anders als das An-sich nicht auf eine vorgängige Wesensdefinition, auf ein festes Sein, das er schlicht ist, zurückgreifen – schließlich mangelt es ihm „an einer bestimmten Koinzidenz mit sich selbst“.7 Er kommt vielmehr als Mangel, als gänzlich unbestimmtes, bloß existierendes Wesen, als Nichts in die Welt. Seiner ontologischen Struktur, seinem Sein als nicht mit sich identischem, intentional-transzendent nach außen gerichtetem Nichts, entspringt nun die permanent gegebene Möglichkeit, sich zu etwas zu machen.9 Umgesetzt wird das im Akt des nichtenden Entwurfs hin auf eine Negatität: Der Mensch erkennt sein gegenwärtiges So-Sein vor dem Hintergrund eines als wünschenswerter erachteten Nicht-Seins als mangelhaft und nichtet sein So-Sein im Entwurf hin auf das Nicht-Sein, das er sein bzw. erreichen will.8 Dadurch ist er „seine Vergangenheit (wie auch seine Zukunft) in Form von Nichtung“10: Er ist seine Vergangenheit und er ist sie nicht, da er im Akt des Entwerfens zwischen Vergangenheit und Gegenwart das Nichts in Form einer Negation gesetzt hat.

Das nichtende Entwerfen ist letztlich, da es nicht in abstracto, sondern nur in der konkreten Situation gedacht werden kann, nichts anderes als eine freie Handlung. Da die Möglichkeit dieser freien Handlung mit der ontologischen Struktur des Für-sich permanent gegeben ist11, kann der Mensch nicht von ihr zurücktreten und sich in einen Zustand des Nicht-Bestimmen-Müssens zurückziehen. Er ist also aufgrund seiner ontologischen Struktur dazu gezwungen, frei zu sein und diese Freiheit im konkreten Handeln, das ein Sich-Entwerfen und damit ein Sich-Nichten ist, beständig auszuleben12 : Der Mensch ist, so Sartres wohl berühmtestes Diktum, „zur Freiheit verurteilt“.11 Mit dieser Freiheit einher geht die Verantwortlichkeit für die eigenen Handlungen und damit für das, was das jeweilige Individuum ist und wozu es sich macht.13

Angst als „reflexives Erfassen des Selbst“

An dieser Stelle lässt sich der Bogen zur Angst schlagen. Angst ist zu verstehen als „reflexives Erfassen des Selbst“.14 Sie tritt in den Momenten auf, in denen das Individuum versteht, dass es für all seine Handlungen uneingeschränkt verantwortlich ist. Die Angst ist damit ein existentieller Umstand und kein situationsbezogenes Gefühl: „Das Bewußtsein, seine eigene Zukunft nach dem Modus des Nicht-sein zu sein, ist genau das, was wir Angst nennen“.15 Die Angst ist damit das Bewusstsein, völlig frei von determinierenden Umständen über das eigene Werden entscheiden zu müssen – auszunehmen ist hier lediglich der Determinismus des Entscheiden-Müssens, gegen den das Individuum sich gerade nicht entscheiden kann. Sartre arbeitet zur Veranschaulichung dieses Umstands mit dem Beispiel eines Menschen, der sich an einem Abgrund entlangbewegt: „Wenn nichts mich zwingt, mein Leben zu retten, hindert mich nichts, mich in den Abgrund zu stürzen“.16 Als weiteres Beispiel wählt Sartre das eines Spielers, der den Entschluss gefasst hat, nicht mehr zu spielen, bei der nächsten Begegnung mit einem Spieltisch jedoch ein gegenteiliges Wollen entwickelt. Dieser Spieler bemerkt in der sich in der beschriebenen Situation einstellenden Angst „die totale Unwirksamkeit des vergangenen Entschlusses“17, die dadurch bedingt ist, dass dieser Entschluss nicht bindend, sondern „nur noch eine meiner Möglichkeiten, wie die Tatsache des Spielens eine andere ist, nicht mehr und nicht weniger“18 ist. Der Spieler erfährt in der Angst schließlich, „daß nichts mich hindert zu spielen“.19 Die Angst ist damit insgesamt ein „spezifisches Freiheitsbewußtsein“20, in welchem das Individuum erfährt, dass es, da es keinen Determinismus durch rationale oder emotionale Motive, vergangene Beschlüsse, äußere Umstände oder andere Faktoren, die außerhalb seiner selbst liegen, gibt, frei ist, und unbedingt selbst entscheiden wird, weil es das muss. Äußere Gegebenheiten und Umstände, innerhalb derer die jeweilige Existenz sich vollzieht, versteht Sartre dabei nicht als „determinierende[] Faktoren, weil kein An-sich von sich aus auf den Menschen einwirken kann“.21

Diese existentielle Angst ist für den Menschen in aller Regel schwer zu ertragen, weshalb er – das kann durchaus im Sinne eines Bewältigungsmechanismus verstanden werden – nicht selten mit Mauvaise foi reagiert. Wörtlich übersetzen lässt sich dieser Begriff als schlechter Glaube, in der Übersetzung von Traugott König wird er als Unaufrichtigkeit wiedergegeben. Beide Übersetzungen tragen indes zum Verständnis bei: Im Modus der Mauvais foi ist der Mensch insofern unaufrichtig, als er vorgibt, einem wie auch immer gearteten Determinismus zu unterliegen, also nicht frei und damit nicht für sein Handeln verantwortlich zu sein. Dieser Glaube ist insofern schlecht, als er nicht mit den ontologischen Tatsachen übereinstimmt. Geboten ist die Mauvaise foi indes keineswegs; es ist vielmehr darauf zu verweisen, dass sie eine unauthentische und widersprüchliche Form der Angstbewältigung darstellt, da der Mensch, der die Mauvaise foi wählt, die Angst – und damit seine Freiheit – bereits erfahren haben muss. Ausgehend vom Erfahren der eigenen Freiheit wählt er also die Unaufrichtigkeit und bekräftigt damit die in der Angst erfahrene Freiheit durch den Akt des Wählens, um sie zugleich im Gegenstand seiner Wahl zu negieren. Damit liegt offensichtlich ein doppelter Widerspruch vor. Sartre spricht diesbezüglich von einer Selbsttäuschung und macht auf das Paradoxon aufmerksam, dass eine solche strukturell unmöglich und die Mauvaise foi für viele Menschen dennoch die gewöhnliche Lebensform ist, das er jedoch nur benennen und nicht auflösen kann.22 Übrig bleibt ohne Widerspruch ausschließlich die Authentizität, die die Angst als Faktum menschlicher Existenz schlicht anerkennt.

Dieses Konzept der Angst als existentielles Moment, welches mit der Freiheit des Sich-Entwerfens und der damit einhergehenden Verantwortung die zentralen Merkmale menschlicher Existenz erfahrbar werden lässt, findet sich in ähnlicher Form auch in Martin Heidegger Werk Sein und Zeit: „Die Angst vereinzelt das Dasein [d.i. der Mensch, L.K.] auf sein eigenstes In-der-Welt-sein, das als verstehendes wesenhaft auf Möglichkeiten sich entwirft“23 und „offenbart im Dasein das Sein zum eigensten Seinkönnen, das heißt das Freisein für die Freiheit des Sich-selbst-wählens und -ergreifens“24, womit das Dasein in ihr sein „Freisein für … […] die Eigentlichkeit seines Seins als Möglichkeit, die es immer schon ist“25 erfährt. Konkret bedeutet das ganz ähnlich wie bei Sartre, dass der Mensch in der Angst konfrontiert ist mit dem Faktum, dass er frei und für all seine Handlungen und damit für das, was er ist, verantwortlich ist; hinzu kommt auch bei Heidegger die Betonung, dass er all das „als Möglichkeit […] immer schon ist“26, seiner Freiheit und Verantwortung also auch durch Flucht in den Modus der Uneigentlichkeit, der Sartres Mauvaise foi funktionell ähnelt, nicht entgehen kann und – da er frei ist – die Eigentlichkeit, die Authentizität, als eine seiner Entwurfsmöglichkeiten in Form einer Potentialität „immer schon ist“27, wie er alle Potentialitäten immer schon ist.

Furcht als „Furcht vor den Wesen […] der Welt“

Die Furcht ist als klassischer Affekt eindeutig von der existentiellen Angst abzugrenzen. Während Angst als „reflexives Erfassen des Selbst“28 immer eine „Angst vor mir “29, d.h. vor meiner Freiheit und Verantwortlichkeit ist, ist die Furcht „Furcht vor den Wesen […] der Welt“30, die „von außen her mein Leben und mein Sein zu verändern“31 drohen. Sie ist demnach anlass- und gegenstandsbezogen und kein existentieller, sondern ein bloß kontingenter Umstand, der sich durch Bewältigung der furchterregenden Situation ebenfalls bewältigen lässt.
Anders als die Angst ist die Furcht damit kein privilegierter Gegenstand der Betrachtung Sartres und findet in der Existenzphilosophie keine weitere Beachtung. Hinzuweisen ist ferner darauf, dass eine derartige Unterscheidung von existentieller Angst und von außen verursachter Furcht – wie Sartre selbst feststellt – in ähnlicher Form bereits bei Søren Kierkegaard angelegt ist32, der als zentraler Bezugspunkt und Begründer der Existenzphilosophie gilt. Auch Heidegger greift diese Unterscheidung auf und fasst die Furcht entsprechend ähnlich wie Sartre als „Befindlichkeit“33, deren „Wovor […] je ein innerweltliches, aus bestimmter Gegend, in der Nähe sich näherndes, abträgliches Seiendes [ist], das ausbleiben kann“.34 Heidegger betont damit explizit die bei Sartre implizierte Kontingenz des Phänomens Furcht, der die Angst als Notwendigkeit der authentischen Existenz gegenübersteht.

Fazit: Angst und Furcht bei Sartre

Festzuhalten bleibt die grundsätzliche Unterscheidung zwischen der Furcht, die eine Reaktion auf einen Gegenstand oder Umstand, der im Außen begegnet, ist, und der Angst, die auftritt, wenn das Selbst in seiner Struktur mit allen Konsequenzen erfasst wird, wenn also absolute Freiheit und absolute Verantwortung bewusst werden. Angst ist damit im Sinne Sartres ausschließlich zu verstehen als existentielle Angst. Eine banale oder profane Angst ist demnach ebenso wie eine pathologische Angst schlicht nicht denkbar.

1. Vgl. Sartre, Jean-Paul (2019): Das Sein und das Nichts. Reinbek bei Hamburg. S. 42. [orig. 1943]. [Hinfort zitiert unter der Sigle SN].
2. Ebd.
3. A.a.O. S. 43.
4. A.a.O. S. 35.
5. A.a.O. S. 200.
6. A.a.O. S. 166.
7. A.a.O. S. 200.
8. Vgl. a.a.O. S. 754-758.
9. Schließlich sind Intentionalität bzw. Transzendenz und Bezug zum Nichts nach Sartre die Bedingungen der Möglichkeit des Handelns – und diese sind beim Für-sich strukturell gegeben. (Vgl. a.a.O. S. 753-758).
10. A.a.O. S. 91.
11. Vgl. a.a.O. S. 758.
12. Schließlich ist auch ein Entscheiden für das Nichts-Ändern und Nichts-Tun eine Entscheidung und damit ein Sich-Machen-zu, eine Handlung.
13. Sartre, Jean-Paul (2019): „Der Existentialismus ist ein Humanismus“. In: Ders. Der Existentialismus ist ein Humanismus und andere philosophische Essays. Herausgegeben von Vincent von Wroblewsky. Reinbek bei Hamburg. S. 155. [orig. 1946].
14. A.a.O. S. 150.
15. SN. S. 92.
16. A.a.O. S. 96.
17. Ebd.
18. A.a.O. S. 97.
19. A.a.O. S. 98.
20. Ebd.
21. A.a.O. S. 99.
22. Pieper, Annemarie (2003): „Freiheit als Selbstinitiation“. In: Schumacher, Bernd N. (Hrsg.): Jean-Paul Sartre. Das Sein und das Nichts. Berlin. S. 200.
23. Vgl. SN. S. 124.
24. Heidegger, Martin (2006): Sein und Zeit. Tübingen/München. S. 186. [orig. 1927].
25. A.a.O. S. 188.
26. Ebd.
27. Ebd.
28. Ebd.
29. SN. S. 92.
30. A.a.O. S. 91.
31. Ebd.
32. Ebd.
33. Vgl. Kierkegaard, Søren (1965): Der Begriff Angst. Gesammelte Werke. Band 11. Düsseldorf. [orig. 1844].
34. Heidegger, Martin (2006): Sein und Zeit. Tübingen/München. S. 185. [orig. 1927].

Literatur:
Heidegger, Martin (2006): Sein und Zeit. Tübingen/München. [orig. 1927].
Kierkegaard, Søren (1965): Der Begriff Angst. Gesammelte Werke. Band 11. Düsseldorf. [orig. 1844].
Pieper, Annemarie (2003): „Freiheit als Selbstinitiation“. In: Schumacher, Bernd N. (Hrsg.): Jean-Paul Sartre. Das Sein und das Nichts. Berlin.
Sartre, Jean-Paul (2019): Das Sein und das Nichts. Reinbek bei Hamburg. [orig. 1943].
Sartre, Jean-Paul (2019): „Der Existentialismus ist ein Humanismus“. In: Ders. Der Existentialismus ist ein Humanismus und andere philosophische Essays. Herausgegeben von Vincent von Wroblewsky. Reinbek bei Hamburg. [orig. 1946].

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