Abraham Maslow und die Bedürfnisse des Menschen

Abraham Maslow, ein US-amerikanischer Psychologe, ist vor allem für die sog. Bedürfnispyramide, die menschliche Bedürfnisse hierarchisiert darstellt, bekannt geworden. Aufgrund seiner Arbeit gilt er als ein Begründer der humanistischen Psychologie sowie der humanistischen Psychotherapie. Obwohl die Bedürfnispyramide äußerst bekannt ist und in unterschiedlichsten Bereichen genutzt wird, ist kaum darüber gesprochen werden, welche Annahmen ihr zugrundeliegen, in welchem Kontext sie entstanden und in welche Theorie sie eingebunden ist.

Abraham Maslows Menschenbild

Maslow wurde im Jahr 1908 geboren. Er lebte und wirkte damit in einer Zeit, die von zwei konträren Menschenbildannahmen geprägt war: Neben dem psychoanalytischen herrschte das behavioristische Bild vor. Maslow selbst wandte sich gegen beide Modelle und schuf eine Anthropologie, die die sich präsentierende Komplexität menschlichen Seins anerkennt.

In der auf Sigmund Freud zurückgehenden tiefenpsychologisch-psychoanalytischen Tradition wird der Mensch traditionell verstanden als ein von Trieben geprägtes Wesen. Konstitutiv für das menschliche Sein sind die im Es angelegten Triebe, denen sich das Über-Ich, die moralischen Vorstellungen, die das Individuum aus der Gesellschaft übernimmt, entgegenstellt. Es und Über-Ich kämpfen um die Vorherrschaft im Individuum. Nicht ausgelebte Triebe und Triebwünsche werden dabei durch komplexe Abwehrmechanismen in den Bereich des Unbewussten verdrängt – so soll das Ich vor der Bewusstwerdung zutiefst abgelehnter eigener Wünsche, die das Selbstbild und die Funktionsfähigkeit massiv beeinträchtigen würden, geschützt werden. Gleiches geschieht mit traumatischen Erlebnissen und ungelösten schweren Konflikten. Diese ins Unbewusste verdrängten Gegenstände führen dort jedoch kein ruhiges Leben: Verdrängtes und Abgespaltenes drängt vielmehr darauf, sichtbar zu werden, wahrgenommen und angehört zu werden. Es äußert sich in anderer Form und ruft so psychische und psychosomatische Beschwerden hervor. Kern des psychoanalytischen Menschenbildes ist damit insgesamt die Annahme, dass der Mensch nicht „Herr im eigenen Haus“ ist: Seine Triebe und sein Unbewusstes bestimmen weitgehend über sein Denken, Erleben und Handeln.

Eine völlig andere Anthropologie vertritt der Behaviorismus. Er hat sich auf die Fahnen geschrieben, menschliches Verhalten („behaviour“) rein naturwissenschaftlich-empirisch erklären zu wollen, ohne den zum Scheitern verurteilten Versuch anzustellen, in die Psyche zu schauen. Die Psyche wird im Behaviorismus damit zur Black Box: Was in ihr vorgeht und wie sie funktioniert, ist nicht erklärbar und damit für alle wissenschaftlichen Betrachtungen unerheblich. Letztlich wird der Mensch selbst damit im Behaviorismus weitgehend ausgeklammert: Er ist zwar Untersuchungsobjekt und Therapiegegenstand, wird aber in seinen Strukturen und seinem je individuellen Funktioniere nicht weiter betrachtet. Verbunden damit ist die Annahme, dass der Mensch gewissermaßen eine Art Reiz-Reaktions-Maschine sei. Kern aller behavioristischen Annahmen ist, dass bestimmte Reize, die auf den Menschen einwirken, zu bestimmten Reaktionen führen – was sie im Menschen auslösen und wie sie verarbeitet werden, wird dabei im Sinne des Black-Box-Denkens völlig ausgeklammert. Alle behavioristisch orientierten Forschungen und die aus dem Behaviorismus hervorgegangene Verhaltenstherapie basieren auf diesen Annahmen. Genutzt werden aus behavioristischer Forschung gewonnene Erkenntnisse und Methoden darüber hinaus etwa in der Abrichtung von Hunden.

Maslow lehnte beide Sichtweisen auf den Menschen, die zu seiner Lebens- und Wirkzeit vorherrschten, ab. Er war der Überzeugung, dass die Komplexität, die sich im durchschnittlichen menschlichen Leben, Fühlen, Denken und Handeln zeigt, nicht begründet auf ein mehr oder weniger simples Schema hinuntergebrochen oder in der psychologischen Forschung gar völlig außer Acht gelassen werden kann. Er fasste den Menschen stattdessen als komplexes Wesen mit komplexen Bedürfnissen, das in erster Linie nach Selbstverwirklichung strebt.

Maslows Bedürfnispyramide

PNG von Philipp Guttmann, SVG von Jüppsche

Dieses Streben nach Selbstverwirklichung, das dem Menschen Maslow zufolge inhärent ist, stellt in de Maslowschen Bedürfnispyramide die oberste Stufe dar – den Gipfel menschlichen Strebens. Darunter sind einige andere Bedürfnisse angesiedelt, die zumindest zu einem gewissen Grad erfüllt sein müssen, ehe das Übergehen zum Erreichenwollen eines höher angesiedelten Bedürfnisses möglich wird. Bevor die Pyramide im Detail betrachtet wird, sollte kurz der Hinweis erfolgen, dass die pyramidale Darstellungsform tatsächlich nicht auf Maslow selbst zurückgeht. Er hat zwar die hinter der Pyramide stehende Theorie ausgearbeitet, jedoch nicht diese plakative – und vereinfachende – Darstellungsform gewählt.

Vereinfachend ist die Darstellungsform in der

Philipp Guttmann, Dynamische Beduerfnishierarchie – Maslow, CC BY-SA 4.0

Bedürfnispyramide vor allem, da sie auf ein statisches Verhältnis der einzelnen Bedürfnisse zueinander schließen lässt. Maslow selbst ging jedoch nicht von einem derart statischen Verhältnis aus: Es ist nicht nötig, dass die physiologischen Bedürfnisse zu 100 Prozent gestillt sind, ehe das Streben nach Sicherheit einsetzt. Ebenso verhält es sich mit allen anderen Bedürfnissen. Maslow ging vielmehr davon aus, dass durchaus Bedürfnisse, die auf verschiedenen Stufen stehen, gleichzeitig vorhanden sein können. Dabei ist jedoch immer das grundlegendste der Bedürfnisse handlungsleitend, bis es zu einem gewissen Grad erfüllt ist. Die Darstellungsform eines Flussdiagramms ist entsprechend angemessener, wenngleich wesentlich komplexer und weniger leicht verständlich.

Bei den Grundbedürfnissen handelt es sich um sog. Defizitbedürfnisse: Sie sind basal und müssen befriedigt werden, da es ansonsten unweigerlich zu Problemen kommt. Hierzu zählen die physiologischen Bedürfnisse, das Sicherheitsbedürfnis, die Sozialbedürfnisse und die Individualbedürfnisse. Das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung stellt hingegen ein Wachstumsbedürfnis dar: Es ist nicht vollständig befriedigbar. Das erklärt auch, aus welchem Grund keine weiteren Stufen folgen: Das Streben nach Selbstverwirklichung endet schlicht nie, da es hier – anders als etwa bei Durst oder Hunger – keinen klar definierbaren Zustand gibt, an welchem das Ziel erreicht, das Bedürfnis gestillt ist.

Zu den jeweiligen Bedürfnissen zählen dabei etwa die folgenden:

  • Physiologische Bedürfnisse: Essen, Trinken, Schlafen
  • Sicherheitsbedürfnisse: Körperliche Gesundheit, Schutz der eigenen Person und des Eigentums, grundlegendes Sicherheitsgefühl
  • Soziale Bedürfnisse: Freundschaft, sozialer Austausch
  • Individualbedürfnisse: Selbstwert, Respekt von anderen
  • Selbstverwirklichung: Ausleben der eigenen Potentiale, Verwirklichen der eigenen Wünsche und Vorstellungen

Die Entstehung psychischer Erkrankungen

Psychische Erkrankungen lassen sich mit Maslow leicht erklären: Sie treten auf, wenn zentrale Bedürfnisse länger nicht befriedigt werden. Mit dieser sehr simplen Erklärung verhält es sich wie mit den allermeisten simplen Erklärungen: Sie ist bis zu einem gewissen Grad durchaus produktiv, wird der Komplexität der Angelegenheit jedoch nicht unbedingt gerecht.

Tatsächlich lässt sich Maslows Theorie etwa auf die Entstehung von posttraumatischen Belastungsstörungen sehr gut anwenden. In Folge eines Traumas kommt es zu einer anhaltenden Nicht-Befriedigung des Sicherheitsbedürfnisses, die wiederum zu massiven Problemen führt. Die anhaltende Nicht-Befriedigung ergibt sich daraus, dass das traumatische Ereignis die Grundsicherheit in der Welt für den*die Betroffene*n ganz grundsätzlich infrage gestellt hat. Das Bedürfnis ist damit schlicht unbefriedigbar geworden – unabhängig von allen Sicherheitsangeboten, die gemacht werden können. Ähnlich ließen sich auch andere spezifische Krankheitsfälle erklären.

Es muss jedoch zugleich darauf verwiesen werden, dass Maslows Theorie bei spezifischen Erkrankungen zwar sehr produktiv, insgesamt gesehen jedoch deutlich zu eindimensional ist. So ist bei vielen psychischen Erkrankungen keineswegs plausibel darauf verweisbar, dass bestimmte unbefriedigte Grundbedürfnisse die Auslöser darstellen.

Kritik an Maslows Theorie

Zu kritisieren ist ferner, dass das Streben nach hierarchisch höher angesiedelten Bedürfnissen keineswegs erst bei einer weitgehenden Befriedigung der grundlegenden Bedürfnisse einsetzt – was empirisch belegbar ist. Verwiesen werden kann hier etwa auf das Eintreten für Freiheitsrechte in Kriegs- und Krisenregionen. Das Leben Betroffenen der Betroffenen ist beständig bedroht, sodass eine Befriedigung des Sicherheitsbedürfnisses nur in minimalem Maße konstatiert werden kann; dennoch äußert sich im Eintreten für gewisse Rechte das Streben nach Befriedigung von Bedürfnissen, die nach Maslow noch nicht handlungsleitend sein könnten. Ähnliches lässt sich bei Traumatisierten feststellen: Obwohl hier eine dauerhafte Nicht-Befriedigung des Sicherheitsbedürfnisses vorliegt, streben sie durchaus nach Selbstverwirklichung. Auch Maslows nicht-statische Hierarchie weist also Schwächen auf, wenn sie verstanden werden soll als faktische Beschreibung menschlichen Strebens.

Darüber hinaus wird häufig kritisiert, dass die Gliederung der Bedürfnisse sowie die Zuteilung der Einzelbedürfnisse zu den jeweiligen Stufen kaum begründbar ist. Maslows Kategorisierung ist tatsächlich weder empirisch noch theoretisch sonderlich haltbar fundiert. Er hat seine Hierarchie vielmehr durch exemplarische Studien der Lebensgeschichten verschiedener Menschen gewonnen.

Ein weiterer Kritikpunkt, der häufig angebracht wird, ist die Tatsache, dass Maslows Pyramide – anders als von Maslow behauptet – keineswegs universelle menschliche Bedürfnisse darstelle, sondern vielmehr kulturspezifisch sei und lediglich die typischen Bedürfnisse in der westlichen Gesellschaft wiedergebe.

Fazit: Bedürfnishierarchie nach Abraham Maslow

Festhalten lässt sich damit insgesamt, dass Maslows Verdienst weniger darin liegt, eine praktische anwendbare Theorie geliefert zu haben, als vielmehr darin, relativ anschaulich Grundüberzeugungen und anthropologische Annahmen der humanistischen Psychologie ausgearbeitet zu haben. Darüber hinaus sind Maslows Hierarchisierung und seine Theorie zur Genese psychischer Erkrankungen in einigen Fällen tatsächlich produktiv anwendbar, wenngleich sie insgesamt zu verallgemeinernd und eindimensional bleibt.

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