Der getriebene Mensch? Das Menschenbild der Psychoanalyse

Das Menschenbild der Psychoanalyse

Sigmund Freud gilt mit seiner Psychoanalyse als zentrale Figur der Moderne, deren Theorien und Beobachtungen in vielen wissenschaftlichen wie allgemeingesellschaftlichen Bereichen noch heute von enormer Wirkkraft sind. Die Psychoanalyse Freuds hat mit den bis dahin vorherrschenden Bildern des Menschen und der Psyche in radikalem Maße gebrochen und zur in der Moderne sich vollziehenden „Entzauberung der Welt“1 in hohem Maße beigetragen. Wie genau der Mensch von der Psychoanalyse entzaubert wurde und welches Menschenbild sich aus den Arbeiten Freuds ergibt, möchte der vorliegende Artikel beleuchten. Vorweg sei bereits darauf verwiesen, dass die Betrachtung notwendig unvollständig bleiben muss und sich auf wenige Aspekte, namentlich auf die Struktur des psychischen Apparats und die Rolle der Triebe nach Freud, fokussieren wird. Andere Aspekte der Theorie Freuds sowie der Theorien anderer Psychoanalytiker*innen sollen hingegen nicht in die Betrachtung einbezogen werden, sodass weniger das Menschenbild der Psychoanalyse nachgezeichnet werden soll als vielmehr das einer bestimmten psychoanalytischen Theorie. Begründet liegt diese enge Umgrenzung  in der Masse an psychoanalytischer Literatur ganz unterschiedlicher Provenienz sowie der mit dieser Heterogenität der psychoanalytischen Theoriebildung einhergehenden grundlegenden Unmöglichkeit, von der Psychoanalyse oder über die Psychoanalyse zu sprechen.

Psychoanalytische Anthropologie: Das Ich ist nicht „Herr […] in seinem eigenen Haus“

Der Mensch wird in der klassischen Psychoanalyse zentral gerade nicht als rationales, selbstbestimmtes Wesen verstanden, sondern als eine Entität, die maßgeblich von ihren Trieben einerseits und den internalisierten moralischen Anforderungen von Eltern und Gesellschaft andererseits bestimmt wird. Diese Charakterisierung, die sich im Strukturmodell der Psyche, das zwischen Es, Ich und Über-Ich unterscheidet, ausdrückt, wirft die zentrale Frage auf, wo genau der Mensch zu finden ist.

Der psychische Apparat und der Mensch

Zentral erscheinen bei der Erörterung dieser Frage zunächst die von Freud ausgiebig bearbeiteten Triebe, die als wesentliche handlungsleitende Momente verstanden werden. Die gesamte Triebstruktur, die Freud im Laufe der Jahre mehrfach revidierte, lässt sich auf das Prinzip des Lustgewinns und damit einhergehend der Unlustvermeidung hinunterbrechen. Charakterisiert werden die auf Lustgewinn zielenden Triebe dabei als Repräsentationen der „körperlichen Anforderungen an das Seelenleben“2. Vor dem Hintergrund der zuvorderst materialistisch-mechanistischen Grundannahmen Freuds liegt der Schluss nahe, den Menschen auf einer basalen Ebene mit dieser Körperlichkeit gleichzusetzen, sein Wesen also in seinen Trieben auszumachen. Dieser Versuch erscheint jedoch unplausibel, ist der Mensch der Psychoanalyse doch nicht nur durch diese körperliche Ebene charakterisiert, sondern ebenso durch die anderen Momente seines psychischen Apparats. Gleichwohl scheint das Es besonders menschlich und besonders zentral zu sein: „Ursprünglich war ja alles Es, das Ich ist durch den fortgesetzten Einfluß der Außenwelt aus dem Es entwickelt worden“.3 Dennoch muss festgehalten werden, dass der Mensch, wenngleich er entwicklungspsychologisch zunächst reines Es ist, später gerade nicht mehr nur diese Triebstruktur aufweist.
Die völlige Gleichsetzung misslingt entsprechend auch bei den anderen Teilen des psychischen Apparats, wenngleich das beim Über-Ich offensichtlicher ist als beim Ich. Bereits mit dem in der Überschrift zitierten Satz, das Ich sei nicht „Herr […] in seinem eigenen Haus“4, macht Freud darauf aufmerksam, dass für gewöhnlich eine Gleichsetzung von Mensch und Ich stattfindet: Die Psyche wird verstanden als Heimat des Ich, was eine besonders privilegierte Rolle des Ichs impliziert. Das wiederum erscheint naheliegend, ist das Ich doch diejenige Instanz, die „die Verfügung über die willkürlichen Bewegungen“5 sowie „die Aufgabe der Selbstbehauptung“6 hat und derjenige Teil des psychischen Apparats ist, der mit der Außenwelt in Kontakt tritt. Freuds Werk ist jedoch gerade als Entzauberung dieses Ichs zu verstehen: Das Ich agiert nicht autonom, es ist nicht der ganze Mensch. Dieser Umstand drückt sich nicht nur darin aus, dass vorgängig nur das Es gegeben war und das Ich später entsteht, sondern etwa auch darin aus, dass es in seinem Handeln in der Welt wesentlich eine Vermittlerposition „zwischen Es und Außenwelt“7 einzunehmen genötigt ist. Das gemeinhin mit dem Individuum gleichgesetzte Ich ist also eine zutiefst in Abhängigkeiten verstrickte Instanz, die keinen eigenen Willen ausbildet, sondern maximal zwischen den auf sie eindringenden anderen Instanzen zu vermitteln in der Lage ist. Das Ich imponiert damit vor allem als eine Leerstelle, um deren Besetzung gekämpft wird. Seine einzige Aktivität besteht darin, eine Mittlerrolle zwischen diesen Ansprüchen anderer Instanzen einzunehmen: „Eine Handlung des Ichs ist dann korrekt, wenn sie gleichzeitig den Anforderungen des Es, des Über-Ichs und der Realität genügt, also deren Ansprüche miteinander zu versöhnen weiß“.8
Das Ich und mit ihm der Mensch erscheint damit als grundsätzlich gespalten und zwischen differenten, in ihm wirksamen Anforderungen zerrissen. Der Mensch bringt zwar die Triebe mit, weist in seiner späteren Ganzheit jedoch keine genuinen Qualitäten mehr auf. Gezeichnet ist damit gewissermaßen das Bild des Menschen als Behälter von Trieben und moralischen Anforderungen, der sich in einer Position der Auslieferung vorfindet, die er nicht überschreiten kann. Positiver formuliert ergibt sich das Bild eines in zwei Welten zugleich beheimateten Menschen, der weder ganz Trieb noch ganz sozial-moralisches Wesen ist und gewissermaßen immer zwischen den Stühlen steht. Interessant ist hierbei, das sei jedoch nur am Rande erwähnt, dass Freud in der Entwicklung weg von der Triebbefriedigung und hin zum Kulturmenschen – und das meint: zum zerrissenen Menschen, der mit keiner Sphäre ganz zu identifizieren ist – die Ursache für negative Grunderfahrungen des Menschen ausmacht.9

Die psychischen Qualitäten: Das Bewusste, das Vorbewusste und das Unbewusste

Auch auf einer zweiten Ebene schafft Freud mit seiner Theorie eine Entzauberung des Menschen. So ist der Mensch der psychoanalytischen Theorie zufolge nicht nur nicht ausschließlich Ich, sondern auch nicht ausschließlich bewusst. Zurückgewiesen und in ihr Gegenteil verkehrt werden damit zwei im Alltag dominierende Grundannahmen: Der Mensch ist zuvorderst bestimmt von Trieben und internalisierten Normen und er ist zuvorderst bestimmt von dem, was ihm nicht bewusst ist. Wesentliche Momente seines Handelns und seiner Einstellungen werden nicht im Bewusstsein gebildet, sondern durch Inhalte des Unbewussten, das dem Menschen nur schwer zugänglich ist, gesteuert. Auch hier zeigt sich, dass die Gleichsetzung von Mensch und Bewusstsein bzw. bewusstem Ich misslingt: Das Bewusstsein ist zum einen nur ein Teil des Ganzen und zum anderen keineswegs der entscheidende. Strukturell und alleine hinsichtlich der anthropologischen Frage betrachtet zeigt das Modell von Bewusstem, Vorbewusstem und Unbewusstem starke Parallelen zum bereits nachgezeichneten Modell des psychischen Apparats: Der Mensch ist kompartimentiert, er ist nicht durch Reduktion auf eine der Qualitäten zu greifen und in der Gesamtheit der Qualitäten erscheint er zum einen niemals in der Praxis, sondern nur in theoretischer Abstraktion und zum anderen als widersprüchliches, zerrissenes, sich selbst fremdes und unzugängliches Wesen.
Hierin muss dann auch der Kern des psychoanalytischen Menschenbildes ausgemacht werden: Der Mensch ist nicht nur von widersprüchlichen Antrieben geleitet, sondern auch durch widersprüchliche psychische Qualitäten und durch scheinbare Unvereinbarkeiten auf unterschiedlichen psychischen Ebenen ausgezeichnet. Abgrenzen lässt die psychoanalytische Anthropologie sich damit eindeutig von anderen Versuchen, den Menschen zu charakterisieren. Dem Behaviorismus lässt sich aus psychoanalytischer Perspektive etwa entgegen, das menschliche Verhalten sage über den Menschen selbst noch nichts aus; es muss aus psychoanalytischer Sicht vielmehr verstanden werden als Ausdruck der komplexen und ambivalenten Tiefenstrukturen des psychischen Apparats, der der Mensch ist. Adäquat verstanden werden kann es damit gerade nicht durch seine äußere Protokollierung, sondern erst in seiner Rückführung auf die jeweiligen inneren Strukturen, die selbst jedoch widersprüchlich sind. Ebenso zurückgewiesen werden muss aus psychoanalytischer Perspektive die Anthropologie der Humanistischen Psychologie: Der Mensch der Psychoanalyse ist gerade nicht in der Lage, sich selbst transparent Ziele zu setzen und sich auf diese hin zu entwerfen; außerdem ist er aufgrund seiner komplexen Ambiguität in der Praxis nicht in seiner Ganzheit fassbar und nicht als rationales Wesen zu verstehen. Er oszilliert vielmehr zwischen verschiedenen in ihm wirksamen Mächten, ist sich selbst in höchstem Maße intransparent und nur bedingt in der Lage, sein Verhalten bewusst und in Reflexion gewonnen Zielen folgend zu steuern.

Kritik des psychoanalytischen Menschenbildes

Kritik am psychoanalytischen Zugang zum Menschen ist in der Vergangenheit reichlich und aus unterschiedlichsten Richtungen geäußert wurden. Besonders vehement kann dabei vor allem auf zwei Punkte verwiesen werden, die nachfolgend kurz vorgebracht werden sollen. Zunächst muss darauf verwiesen werden, dass es sich um ein Modell handelt, das deutlich stärker auf Spekulation baut als andere anthropologische Modelle. Während das behavioristische Modell darauf verweisen kann, sich nur auf das zweifelsfrei Messbare zu berufen und das Spekulative bewusst auszuklammern, können Modelle, die in der Tradition der Humanistischen Psychologie stehen, sich auf phänomenologische Zugänge berufen: Sie zeichnen ihr Bild des Menschen ausgehend von konkret greifbaren Phänomenen. Die Psychoanalyse hingegen baut gerade auf das Nicht-Sichtbare, auf das Verborgene, das mit ihrer Methode „erschlossen, erraten und in bewußten Ausdruck übersetzt werden“10 soll. Die Theorie baut damit auf schlechterdings nicht überprüfbaren Prämissen, die zudem, da sie sich nicht auf Konkretes gründen, nur schwer zu plausibilisieren sind.
Der zweite zentrale Kritikpunkt zielt auf die Konsequenzen des psychoanalytischen Modells hinsichtlich der Verantwortlichkeit des Individuums für seine Handlungen. So muss etwa darauf verwiesen, dass das Individuum, bildet es keinen freien Willen, sondern kann bloß zwischen angeborenen Trieben und von außen aufgenommenen Moralvorstellungen vermitteln, nur in eingeschränktem Maße die Verantwortung für seine Handlungen und Einstellungen trägt: Weder die Triebe noch das Lustprinzip noch die im Über-Ich angelegten Vorstellungen verantwortet es. Eine Verantwortlichkeit kann lediglich für die Art der Vermittlung zwischen diesen differenten Bedürfnissen konstatiert werden, die jedoch als sehr beschränkt zu denken ist, ist sie doch immer durch die wiederum nicht verantwortete Ausprägung und Art der triebhaften und moralischen Bedürfnisse limitiert. Diese Konsequenz des psychoanalytischen Modells wiederum verunmöglicht nicht nur eine treffende moralische oder juristische Beurteilung einzelner Individuen aufgrund ihrer Taten und verhindert damit zentrale Aspekte funktionierender Gesellschaft, sondern erscheint vor dem Hintergrund der phänomenalen Wirklichkeit darüber hinaus zutiefst unplausibel, erleben wir unsere Handlungen und die der anderen Menschen doch als weitgehend selbstbestimmt und nur selten unumgehbar in ein enges Korsett aus biologisch-körperlichen Forderungen auf der einen und sozialisationsbedingte Einschätzungen auf der anderen Seite eingezwängt.
Zu würdigen bleibt nichtsdestotrotz die grundlegende Leistung der Psychoanalyse, mit dem Modell des völlig abgekoppelt von biologischen und sozialen Kontexten agierenden, sich seiner Motive immer bewussten Menschen gebrochen zu haben, wenngleich das etablierte Gegenmodell ebenso unhaltbar erscheint.

1 Weber, Max (2011): Wissenschaft als Beruf. Berlin. S. 17. [orig. 1919]
2 Freud, Sigmund (2014): Abriß der Psychoanalyse. Frankfurt am Main. S. 44. [orig. 1940].
3 A.a.O. S. 58.
4 Freud, Sigmund (1917): „Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse“. In: Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften. S. 7. Online verfügbar unter: https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/imago1917_1919/0011 [25.06.21]
5 Freud, Sigmund (2014): Abriß der Psychoanalyse
. Frankfurt am Main. S. 42. [orig. 1940].
6 Ebd.
7 Ebd.
8 A.a.O. S. 43.
9 Vgl. Freud, Sigmund (1930): Das Unbehagen in der Kultur
. Wien.
10 Freud, Sigmund (2014): Abriß der Psychoanalyse
. Frankfurt am Main. S. 55. [orig. 1940].

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