Freud: Phasen der psychosexuellen Entwicklung

Freud. Phasen der psychosexuellen Entwicklung

Mit seinem Modell der psychosexuellen Entwicklung versucht Sigmund Freud sich an einer Systematisierung der Entwicklung der Sexualität wie der damit verbundenen allgemeinen psychischen Entwicklung vom Säuglings- zum Erwachsenenalter. Die grundlegende – und bahnbrechende – These hinter dem Entwicklungsmodell besteht darin, dass Sexualität nicht erst in der Pubertät beginnt, sondern den Menschen vom Beginn seines Lebens an begleitet: „Es ist ein Stück der populären Meinung über den Geschlechtstrieb, daß er der Kindheit fehle und erst in der als Pubertät bezeichneten Lebensperiode erwache. Allein dies ist nicht nur ein einfacher, sondern sogar ein folgenschwerer Irrtum“ (Freud, 1922; S. 38). Von der Beschäftigung mit der kindlichen Sexualität verspricht Freud sich dabei Einsichten in „die wesentlichen Züge des Geschlechtstriebes“ sowie in „seine Entwicklung“ (Freud, 1922; S. 38).

Grundlagen der psychosexuellen Entwicklung: Triebstruktur, polymorph-perverse Anlage und Co

Für das Verständnis des von Freud entworfenen Modells der psychosexuellen Entwicklung sind zunächst einige grundlegende anthropologische Annahmen nachzuvollziehen, auf deren Basis Freud arbeitet. Zu nennen sind hier insbesondere die polymorph-perverse Anlage des Kindes, seine Triebstruktur sowie die grundlegende Strukturierung der Psyche.

Freud geht in seinem Instanzenmodell davon aus, dass der Mensch grundsätzlich als ein gespaltenes, ein hin- und hergerissenes Wesen zu verstehen ist: Um das Ich als handlungssteuernde Instanz kämpfen das Es als Sitz der Triebe und das Über-Ich als Sitz internalisierter Moralvorstellungen. Entscheidend ist hierbei, dass Freud das Über-Ich als erst allmählich sich ausbildend versteht, während das Es, die Triebe, angeboren sind. Die Internalisierung gesellschaftlicher Vorstellungen bezüglich eines guten, wünschenswerten ebenso wie eines schlechten, zu vermeidenden Verhaltens geht nur langsam vonstatten. Beim Kind rücken die Triebregungen, darunter die Libido als Sexualtrieb, daher stärker in den Vordergrund als bei den Erwachsenen, die über ein ausgebildetes Über-Ich verfügen. Bezüglich sexueller Triebe beschreibt Freud die Folgen plakativ: „[D]ie Ausführung findet darum geringe Widerstände, weil die seelischen Dämme gegen sexuelle Ausschreitungen, Scham, Ekel und Moral, je nach dem Alter des Kindes noch nicht aufgeführt oder erst in Bildung begriffen sind“, während es „die Eignung dazu [gemeint sind sexuelle Aktivitäten, L.K.] in seiner Anlage mitbringt“ (Freud, 1922; S. 56). Freud bezeichnet den kindlichen Zustand vor diesem Hintergrund als „polymorph pervers[]“(Freud, 1922; S. 56).

Auch anthropologisch sind die genannten Ausführungen interessant, insofern sie das Bild des Menschen als Triebwesen zeichnen, das erst nachträglich einen Prozess der Kultivation durchläuft, der wesentlich in der Hemmung der ursprünglich noch ungehemmt sich zeigenden Triebe besteht. Es ist – so Freud – folglich „unmöglich, in der gleichmäßigen Anlage zu allen Perversionen nicht das allgemein Menschliche und Ursprüngliche zu erkennen“ (Freud, 1922; S. 56).

Reformulieren lässt sich das auch vor dem Hintergrund der an anderer Stelle beschriebenen zwei Prinzipien des Psychischen, die überdies eine Kontextualisierung der Rede von Sexualität und Perversion ermöglichen. So beschreibt Freud in Ergänzung seines Instanzenmodells der Psyche das Lust- und das Realitätsprinzip als konkurrierende Momente im Menschen. Das Lustprinzip zielt auf Triebbefriedigung jedweder Art, während das Realitätsprinzip gewissermaßen soziale wie physische Überlebensfähigkeit sichert – und das Lustprinzip zurückdrängt. Das Kind ist alleine nicht lebensfähig, was unter anderem darauf zurückzuführen ist, dass das Lustprinzip bei ihm noch die Oberhand hat, während das lustbeschränkende Realitätsprinzip noch nicht vollständig ausgebildet ist. Die polymorph-perverse Anlage bezieht sich also nicht nur, was Freud mit seinen Analogien von Kind und „unkultivierte[m] Durchschnittsweib“ wie „Dirne“ (Freud, 1922; S. 56) stellenweise selbst nahelegt, auf im engeren Sinne als sexuell zu betrachtende Triebe, sondern allgemein auf das Prinzip des ungehemmten Lustgewinns. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Kernthese, bereits das neugeborene Kind verfüge über eine Sexualität bzw. sei sexuell aktiv, deutlich an Plausibilität.

Phasen der psychosexuellen Entwicklung

Die psychosexuelle Entwicklung beschreibt Freud grundlegend als Prozess der zunehmenden Einengung der ursprünglich polymorph-perversen Sexualität. Diese Einengung, die letztlich zur genitalen Sexualität führt, verläuft dabei in unterschiedlichen Phasen, in denen jeweils eine spezifische Art des Lustgewinns im Vordergrund steht – was jedoch nicht bedeutet, dass andere Formen des Lustgewinns bzw. der Sexualität innerhalb der jeweiligen Phasen nicht auftreten. Interessant ist ferner, dass Freud darauf hinweist, dass „[d]iese Phasen der Sexualorganisation normalerweise glatt durchlaufen [werden], ohne sich durch mehr als Andeutungen zu verraten“ (Freud, 1922; S. 62).

Die orale Phase

Nach Freud beginnt die psychosexuelle Entwicklung mit der sog. oralen Phase: „Die Sexualtätigkeit ist hier von der Nahrungsaufnahme noch nicht gesondert, Gegensätze innerhalb derselben nicht differenziert. Das Objekt der einen Tätigkeit ist auch das der anderen, das Sexualziel besteht in der Einverleibung des Objektes“ (Freud, 1922; S. 62). Lustbefriedigung wird in dieser ersten Phase der Sexualentwicklung daraus gezogen, Dinge in den Mund zu nehmen und an ihnen zu saugen.

Die anale Phase

Auf die orale folgt die anale Phase. Lustbefriedigung wird in dieser zweiten Phase der psychosexuellen Entwicklung „vor allem [über] die erogene Darmschleimhaut“ (Freud, 1922; S. 63) erreicht. Freud macht in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam, dass in dieser Phase sowohl aktive als auch passive Momente der Lustgewinnung zusammenkommen, wobei das passive Moment in der willensunabhängigen Ausscheidung zu sehen ist, die Aktivität hingegen „durch den Bemächtigungstrieb von seiten der Körpermuskulatur hergestellt“ (Freud, 1922; S. 63) wird, ergo: durch „Zurückhaltung der Fäkalmassen“ (Freud, 1922; S. 52).

Die phallische Phase

Die dritte Phase der Sexualentwicklung ist die sog. phallische Phase. Freud beschreibt hier eine starke Annäherung an die genitale Sexualität, die er für das gleichsam natürliche Ziel der psychosexuellen Entwicklung hält. In seinen Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie führt er dazu Folgendes aus: „Um das Bild des infantilen Sexuallebens zu vervollständigen, muß man hinzunehmen, daß häufig oder regelmäßig bereits in den Kinderjahren eine Objektwahl vollzogen wird, wie wir sie als charakteristisch für die Entwicklungsphase der Pubertät hingestellt haben, in der Weise, daß sämtliche Sexualstrebungen die Richtung auf eine einzige Person nehmen, an der sie ihre Ziele erreichen wollen. Dies ist dann die größte Annäherung an die definitive Gestaltung des Sexuallebens nach der Pubertät, die in den Kinderjahren möglich ist“ (Freud, 1922; S. 62). In seinem später veröffentlichten Aufsatz Die infantile Genitalorganisation korrigiert er diese Auffassung dahingehend, dass die Äquivalenz zur erwachsenen Sexualität in dieser Phase „sich nicht nur auf das Zustandekommen einer Objektwahl“ (Freud, 1923) bezieht, sondern auch und vor allem „das Interesse an den Genitalien und die Genitalbetätigung eine dominierende Bedeutung, die hinter der in der Reifezeit wenig zurücksteht“ (Freud, 1923), gewinnt. Freud fasst diese Genitalbezogenheit in der Folge als zentral für die dritte Phase der kindlichen Sexualentwicklung auf. Einen wesentlichen Unterschied zur vollentwickelten Sexualität stellt er jedoch fest. Dieser „liegt darin, daß für beide Geschlechter nur ein Genitale, das männliche, eine Rolle spielt. Es besteht also nicht ein Genitalprimat, sondern ein Primat des Phallus“ (Freud, 1923).

Die Latenzphase

In der Latenzphase wird die Sexualentwicklung „zum Stillstand oder zur Rückbildung gebracht“ (Freud, 1922; S. 64). In dieser Periode, die etwa vom sechsten Lebensjahr bis zum Beginn der Pubertät reicht, finden stattdessen andere Entwicklungen statt, die für die weitere psychosexuelle Entwicklung von Bedeutung sind. So etwa die „Abgabe der sexuellen Komponenten für soziale Gefühle“ sowie der „Aufbau der späteren Sexualschranken“ (Freud, 1922; S. 94). In der Latenzphase findet somit ein starker Sozialisationsprozess, ein Prozess des Über-Ich-Aufbaus, statt, der für spätere Hemmungen des Sexualverhaltens verantwortlich ist. Zugleich lernt das Kind in dieser Zeit, soziale Beziehungen einzugehen und soziale Gefühle zu entwickeln, die nicht direkt auf Lustgewinn zielen.

Die genitale Phase

Die genitale Phase wird als Ziel der psychosexuellen Entwicklung aufgefasst. Hier ist die Sexualität zentriert und objektbezogen, wohingegen die kindliche Sexualität „nicht zentriert und zunächst objektlos, autoerotisch“ (Freud, 1922; S. 95) ist. Die genitale Sexualität konzentriert sich auf spezifische erogene Zonen, auf ein anderes Sexualobjekt und steht im Dienste der Fortpflanzung (vgl. Freud 1922; S. 96f.).

Wirkung und Kritik des Modells der psychosexuellen Entwicklung

Kritik an Freuds Phasenmodell der psychosexuellen Entwicklung lässt sich aus unterschiedlichsten Perspektiven üben. Offensichtlich ist etwa die fehlende empirische Evidenz. So ist die Quelle der Ausführungen unklar. Größtenteils handelt es sich um Spekulationen oder um Verallgemeinerungen von Anekdoten, die Freud aus seiner therapeutischen Arbeit zieht. Eine solide wissenschaftliche Datenbasis ist jedoch zu keinem Zeitpunkt erkennbar. Vor diesem Hintergrund erscheint es hochproblematisch, dass Freud die einerseits als natürlich verstandene Entwicklung andererseits normativ setzt und zur universellen Leitschnur der Einschätzung (kindlicher) Entwicklung macht. So beschreibt er etwa spezifische Symptome psychischer Erkrankungen, die er auf eine Art Stehenbleiben in einer spezifischen Phase der psychosexuellen Entwicklung zurückführt. Wie bei anderen entsprechenden Entwicklungsmodellen muss ferner eine fehlende Trennung der scheinbar objektiven Deskription von zeit- und gesellschaftsspezifischen Normalitätserwartungen konstatiert werden – bei Freud etwa ersichtlich in der Konzentration auf heterosexuell-genital-fortpflanzungsorientierte Sexualität.

Darüber hinaus muss festgestellt werden, dass die Ausführungen über weite Strecken misogyn anmuten. Erinnert sei hier etwa an das „unkultivierte Durchschnittsweib“ (Freud, 1922; S. 56), aber auch an den ohne Evidenz postulierten „Penisneid“ (Freud, 1922; S. 60) oder das als Kennzeichen der dritten Entwicklungsphase verstandene „Primat des Phallus“ (Freud, 1923), das Freud eingestandenermaßen ausschließlich aus der Beobachtung männlich gelesener Kinder gewinnt: „[I]n die entsprechenden Vorgänge beim kleinen Mädchen fehlt uns die Einsicht“ (Freud, 1923), hält er fest, setzt die Orientierung am Phallus zugleich jedoch „für beide Geschlechter“ (Freud, 1923) als beobachtbaren wesentlichen Entwicklungsschritt. Mit den Ausführungen verbunden ist darüber hinaus – das sei hier am Rande erwähnt – die für das psychoanalytische Entwicklungsdenken zentrale Geschlechterdichotomie, die vor dem Hintergrund der Erkenntnisse der Gender Studies nicht haltbar ist. Ebenfalls verbunden mit den misogynen Ausführungen in der Sexualtheorie ist eine grundsätzliche Pathologisierung der Homosexualität – „Eine bei der Objektwahl sich ergebende Aufgabe liegt darin, das entgegengesetzte Geschlecht nicht zu verfehlen“ (Freud, 1922; S. 91) –, die Freud zum Teil ableitet „aus der endlichen Überzeugung von der Penislosigkeit des Weibes“ (Freud, 1923) und dem Grauen, das der Anblick des „penislosen weiblichen Genitales“ (Freud, 1923) hervorrufe.

Trotz der fehlenden Evidenz und der zahlreichen problematischen Ausführungen zu Weiblichkeit und Homosexualität hat Freuds Modell der psychosexuellen Entwicklung breite Wirkungen hervorgerufen. Bis heute relevant ist dabei primär der Umstand der Entdeckung einer kindlichen Sexualität. Im psychoanalytischen Diskurs wird Freuds Modell indes nach wie vor stark rezipiert und hat weitere Entwicklungsmodelle und -vorstellungen, so etwa diejenige Eriksons, enorm beeinflusst.

Quellen
Freud, Sigmund (1922): Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Leipzig/Wien. [orig. 1905].
Freud, Sigmund (1923): „Die infantile Genitalorganisation“. In: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse. Bd. 9. (2). S. 168-171.