Kommunikation mit depressiven Menschen – in die Dunkelheit sprechen

Kommunikation mit depressiven Menschen

Die Kommunikation mit depressiven Menschen kann sich schwierig gestalten und ist nicht selten von einer Vielzahl subtiler, jedoch bedeutungsvoller Nuancen geprägt. Depressionen sind weit mehr als eine vorübergehende Traurigkeit und beeinflussen das Denken, Fühlen und Handeln der Betroffenen tiefgreifend. Die üblichen Methoden der Aufmunterung und Ermutigung, die bei anderen emotionalen Zuständen wirksam sein können, verlieren im Angesicht dieser Erkrankung ihre Resonanz. Kommunikation wird zu einer Herausforderung, die nicht nur von Freund*innen und Angehörigen, sondern auch in der Therapie eine Rolle spielt. Zugleich wird deutlich, dass Geduld, Verständnis und eine feinfühlige Kommunikation von entscheidender Bedeutung sind, um den Betroffenen Halt zu geben und den Weg zur Heilung zu ebnen.

Depression – die Welt durch die graue Brille sehen

Eine Depression ist viel mehr als eine Verstimmung oder eine tiefe Traurigkeit. Eine Depression kann auch dann auftreten, wenn die Betroffenen das Gefühl haben, dass sie eigentlich zufrieden sein „müssten“, weil Lebensumstände und Lebensverlauf derart beschaffen sind, dass man sie gemeinhin als wünschenswert erachten würde. Selbst in vermeintlich positiven Lebenssituationen kann die Last der Depression drücken und das Gefühl der Unzulänglichkeit sogar verstärkt werden.

Eine klinische Depression ist eine ernste psychische Erkrankung und beeinflusst Denken, Fühlen und Handeln der Betroffenen sowie die Art, wie sie sich selbst, ihre Mitmenschen und ihre Umgebung wahrnehmen. Dementsprechend greifen die üblichen Strategien und Taktiken zur Aufmunterung und Ermutigung, die bei gesunden Menschen in Phasen von Trauer oder Verzweiflung durchaus wirken können, im Falle einer Depression nicht. Sie suggerieren den Erkrankten vielmehr, dass sie sich nur anstrengen müssten, damit es ihnen wieder besser geht. Menschen mit Depressionen können die Dinge jedoch nicht einfach wieder positiv betrachten oder in ein schöneres Licht rücken. Sie sehen die Welt nicht durch die rosarote, sondern durch eine graue Brille, die sich nicht einfach wieder absetzen lässt.

Komplexe Wechselwirkungen und widersprüchliche kommunikative Prozesse

Die Symptome der Depression, die Sicht durch die graue Brille auf die Welt, können auch und vor allem die Kommunikation mit depressiven Menschen zu einer Herausforderung werden lassen. Denn auch Worte, die über die üblichen Phrasen und gut gemeinte Ratschläge hinausgehen, funktionieren oft nicht und erreichen die Betroffenen nicht oder zumindest nicht so, wie sie gemeint waren. Wer schon einmal mit einer depressiven Person während einer akuten depressiven Phase geredet hat, weiß, wie ernüchternd und erschöpfend sich Gespräche gestalten können.

Ab Mitte der 1950er-Jahre begann man, die Auswirkungen des Zusammenlebens mit psychisch Erkrankten auf nicht erkrankte Familienmitglieder zu untersuchen. Es zeigte sich, dass die psychische Erkrankung eines Familienmitglieds zu komplexen Wechselwirkungen führt und dass depressive Menschen ihre Gesprächspartner in einen widersprüchlichen kommunikativen Prozess verwickeln können. Sie fordern immer mehr bestätigendes Feedback. Doch je mehr die gesunde Person darauf eingeht, desto stärker wird dies negiert und das eigene Verhalten abgelehnt. Anders ausgedrückt: Egal, was man sagt, es wird von der depressiven Person so lange gedreht und gewendet, bis es als weiteres Zeichen der eigenen Wertlosigkeit ausgelegt werden kann. Will man einer depressiven Person mit Worten oder Taten helfen, kann dies bei ihr als Bestätigung dafür ankommen, dass man ihr allein nichts zutraut. Sagt man ihr, wie gern man sie hat, wird dies angezweifelt oder als Aufmunterungsstrategie abgetan. Dies geschieht natürlich nicht mit Absicht, doch es ist anstrengend und kann den gesunden Part an den Rand der Verzweiflung bringen.

Angehörige und Freund*innen von Depressiven haben entsprechend oft das Gefühl, gegen eine Wand zu reden oder in ein unbekanntes Dunkel hineinzusprechen. Auf der einen Seite suchen viele depressive Menschen verstärkt Bestätigung und Rückversicherung von außen. Doch bekommen sie die ersehnten positiven Rückmeldungen, dann werden diese negiert und nicht angenommen. Denn sie passen einfach nicht in das negative Weltbild, das die Depression zeichnet.

Praxis: Notwendige Voraussetzungen für die Kommunikation mit depressiven Menschen schaffen

Trotz all dieser Herausforderungen lohnt es sich für Freund*innen und Angehörige depressiver Personen, am Ball zu bleiben. Denn selbst, wenn die Betroffenen sich aufgrund der Erkrankung zurückziehen und abweisend reagieren, können nahestehende Menschen eine wichtige Rolle im Heilungsprozess einnehmen. Dabei ist es für Freund*innen und Angehörige wichtig, zunächst die bestmöglichen Voraussetzungen für den Umgang mit den Betroffenen zu schaffen. Dazu gehört in erster Linie, die eigenen Grenzen zu erkennen und anzuerkennen. Die eigene Trauer, die eigenen Sorgen dürfen und sollen zugelassen werden. Um helfen und unterstützen zu können, muss man immer auch die Eigenverantwortung der Erkrankten sehen und diese im Zweifelsfall mit ihnen gemeinsam aushandeln. Angehörige und Freund*innen von Betroffenen sollten nicht zögern, sich selbst Hilfe und Unterstützung durch Therapeut*innen oder in Selbsthilfegruppen für Angehörige zu suchen, damit die Depression nicht zu einer im übertragenen Sinne ansteckenden Krankheit wird.

In Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass die Depression tatsächlich ein gewisses „Ansteckungspotential“ birgt: Nicht-depressive Partner*innen von Depressiven entwickelten in Studien ihrerseits Symptome von Stress und Belastung. Zudem stuften die Untersuchungsteilnehmer*innen ihr Befinden nach Interaktionen mit depressiven Menschen als stärker depressiv ein als nach der Interaktion mit nicht-depressiven Personen. Zur Erklärung dieser Befunde kann etwa die systemische Therapie herangezogen werden, die davon ausgeht, dass der Mensch nie als vereinzeltes Individuum betrachtet werden kann, sondern immer in bestimmte soziale Systeme, etwa das Familiensystem, eingebunden ist. Erkrankungen wirken als Störungen im Funktionsablauf des Systems auch auf andere Systemangehörige, da sie in einem Austauschverhältnis mit den Betroffenen stehen.

Für die Praxis der Kommunikation mit depressiven Personen bedeutet das alles zunächst, dass eigene Ressourcen (und Grenzen) erkannt werden müssen. Nur dann ist eine gelingende Kommunikation – und damit auch echte Hilfe – möglich.

Wichtige Grundsätze für die Kommunikation

Wer ein realistisches Bild der Depression hat, weiß, dass es darüber hinaus leider nicht die eine perfekte Art oder einen konkreten Leitfaden für Kommunikation und Umgang mit an Depressionen Erkrankten gibt. Allerdings gibt es ein paar Grundsätze, auf die Freund*innen und Angehörige achten sollten. So ist es wichtig, die körperlichen Beschwerden, Krankheitsängste und Schmerzen von Menschen mit Depressionen ernst zu nehmen und Verständnis zu zeigen und zu kommunizieren. Empfindungen sollten nicht als übertrieben oder eingebildet abgetan werden, da die Depression selbst leichte Beschwerden stark verstärken kann. Es ist entscheidend, das Befinden der Betroffenen anzuerkennen, ihren Schilderungen zu glauben und ihre Gefühle zu akzeptieren – und nicht zu versuchen, etwas schönzureden oder zu bagatellisieren. Wenn Partner*innen, Freund*innen oder Angehörige aufgrund der Krankheit desinteressiert, abweisend oder lustlos wirken, ist Geduld gefragt. Diese Symptome können sich im Verlauf der Behandlung verbessern. Geduld und Akzeptanz sind in der Kommunikation und im Umgang mit depressiven Menschen von großer Bedeutung, um ihnen Halt zu geben. Es ist wichtig, ihre zurückweisenden Verhaltensweisen nicht persönlich zu nehmen, sondern als Symptom der Krankheit zu verstehen. Übrigens können bereits Kinder verstehen, dass ein verändertes Verhalten von nahestehenden Personen auf eine Krankheit zurückzuführen ist. Wer auch Kindern gegenüber offen mit der depressiven Erkrankung von Angehörigen umgeht, kann ihnen im besten Fall sogar mögliche Ängste bezüglich der Verhaltensänderungen der vertrauten Person nehmen.

Auch positives Feedback bereits für kleine Handlungsfortschritte und nicht zuletzt nonverbale Signale – ein Handreichen im wahrsten Sinne des Wortes – spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Kurzum: Wer es schafft, Verständnis für die Verzweiflung und alle Symptome zu zeigen, die das Krankheitsbild der Depression mit sich bringen kann, und zugleich signalisiert, dass er an eine Besserung des Leidens glaubt und versichert, auch weiterhin da zu sein, hat viel getan. Und: Man kann auch einmal ganz ehrlich sagen, dass einem die Worte fehlen.
Besonders wichtig: Äußert ein depressiver Mensch Suizidgedanken, muss dies immer ernst genommen werden. In diesem Fall sollte man dem*der Betroffenen helfen, umgehend professionelle Hilfe bei dem*der behandelnden Ärzt*in oder Psychotherapeut*in oder in der nächstgelegenen psychiatrischen Klinik in Anspruch zu nehmen.

Kommunikative Herausforderungen in der Therapie

Menschen mit Depressionen zeigen Selbstabwertung, mangelnde Motivation, Gefühle von Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit und sozialem Rückzug. Dies alles sind potenzielle Hindernisse für den Aufbau einer gewinnbringenden therapeutischen Allianz. Bei Personen, die sich in einer schweren depressiven Episode befinden, bedarf es von therapeutischer Seite eines gewissen Geschicks, Dinge anzusprechen. Als besonders hilfreich gelten Techniken, die die Aktivierung fördern und eine realistische Hoffnung auf Besserung vermitteln. Depressive Patient*innen brauchen unter Umständen besonders viel Zusicherung und eine längere Phase des Vertrauensaufbaus, bevor sie sich komplett auf die Therapie einlassen. Der Aufbau einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit, in der Therapeut*in und Patient*in gemeinsam Ziele setzen und Behandlungsaufgaben erledigen, ist wichtig. Eine offene und kooperative Kommunikation muss als Ziel anerkannt werden, auch wenn dies in Phasen tiefer Depressionen sehr schwierig sein kann.

Um den Prozess zu erleichtern, müssen Therapeut*innen ihren Kommunikationsstil häufig an die Bedürfnisse und Fähigkeiten der Patient*innen anpassen. Denn Depressionen können auch kognitive Beeinträchtigungen wie Konzentrationsstörungen und Gedächtnisprobleme verursachen, was die Kommunikation zusätzlich erschweren kann. Patient*innen könnten Schwierigkeiten haben, sich an Gesprächsinhalte zu erinnern oder Informationen zu verarbeiten. Aus diesem Grund muss im Therapiegespräch besonders auf eine verständliche Sprache geachtet werden. Für Personen in einer schweren depressiven Phase, denen es schwerfällt, alles zu verarbeiten, können auch schriftliche Aufzeichnungen in Form von Handouts oder schriftlichen Anweisungen eine Hilfe sein. Wichtig ist darüber hinaus, dass der*die Therapeut*in für eine Entmystifizierung der Erkrankung sorgt. Sorgen und Symptome werden im Therapiegespräch normalisiert, um Verlegenheit oder die Angst, verurteilt zu werden, zu verringern. Depressive Patient*innen neigen dazu, sich selbst abzuwerten und haben oft ein niedriges Selbstwertgefühl. Sie müssen dazu ermutigt werden, offen über ihre Gedanken und Gefühle zu reden. Darüber hinaus haben depressive Patient*innen häufig negative Gedankenmuster und Denkverzerrungen, die ihre Wahrnehmung beeinflussen. Dies kann dazu führen, dass sie Informationen oder Ratschläge in einem pessimistischen Licht sehen und sich gegenüber neuen Ansätzen verschließen. Manchmal kann in solchen Fällen auch Humor eingesetzt werden. Er ist ein gutes Mittel zur Motivation, er kann einen Perspektivwechsel ermöglichen und Distanz zu negativen Gedanken und Gefühlen schaffen. Auch depressiven Menschen kann Humor dabei helfen, die Kontrolle zurückzugewinnen.

Fazit: Kommunikation mit depressiven Menschen

Abschließend lässt sich damit festhalten, dass die Kommunikation mit depressiven Menschen aus Gründen, die in der Krankheit liegen, deutlich erschwert ist. Während es kein Patentrezept zur Lösung der so entstehenden Probleme gibt, lassen sich doch einige Taktiken ausmachen, die vielversprechend erscheinen. Hierzu zählen insbesondere das Bewusstsein für eigene Ressourcen und Grenzen, das Bewusstsein für die Symptome der Depression und ihre Auswirkungen auf die Kommunikation, das Ernstnehmen der Sorgen der Erkrankten ohne Dramatisierung und die Zuwendung auch bei fehlendem positiven Feedback.

Quellen:
Bischkopf, Jeannette: Das Leid der Angehörigen – Wie Depression die Familie krank machen kann. https://www.fu-berlin.de/presse/publikationen/fundiert/archiv/2008_01/08_01_bischkopf/index.html (Zugriff am 08.04.2024)
Böhnke, Andrea: Wie Humor in der Psychotherapie hilft. https://www.zeit.de/gesundheit/2024-02/humor-psychotherapie-behandlung-psychische-stoerungen# (Zugriff am 13.04. 2024)
Stubbe, Dorothy E.: Defeating Depression. The Healing Power of the Therapeutic Relationship. In: Focus – The Journal of Lifelong Learning in Psychiatry. Spring 2016, 14 (2), 219-221. Published online 2016 Apr 7. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6519639/ (Zugriff am 10.04.2024)