Der Mensch als Maschine? Das Menschenbild des Behaviorismus

Das Menschenbild des Behaviorismus

Der Behaviorismus ist eine Strömung in der Psychologie, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts populär wurde und die in der Tradition der Psychoanalyse sowie der Hermeneutik stehenden psychologischen Forschungen abzulösen begann. Auf dem behavioristischen Menschenbild sowie den weiteren Grundannahmen des Behaviorismus gründet nicht nur die klassische Verhaltenstherapie, sondern auch eine grundsätzliche Veränderung der Psychologie als Wissenschaft, die sich fortan deutlich stärker den Naturwissenschaften zuwandte und sich heute selbst als naturwissenschaftliche Disziplin versteht. Doch welche zentralen anthropologischen Annahmen liegen dem Behaviorismus zugrunde und welche Konsequenzen haben sie für die Psychologie als Wissenschaft sowie für die angewandte Psychologie etwa im Kontext der Behandlung psychischer Erkrankungen?

John B. Watson: Verhalten als Gegenstand der Psychologie

Zentral für die Entwicklung des Behaviorismus war John B. Watsons Aufsatz Psychology as the Behaviorist views ist, in welchem er eine Neuorientierung der Psychologie anregt. Fortan, so Watson, sollte Gegenstand psychologischer Forschung nur noch das beobachtbare Verhalten des Menschen sein. Watson begründet diese Forderung damit, dass jegliche andere Forschung – etwa die, die Introspektion als Methode der Psychologie versteht – auf subjektiver Basis operiere und keine eindeutig beobacht-, bewert- und messbaren Gegenstände habe oder derartige Ergebnisse zu produzieren in der Lage sei. Sein Ziel besteht folglich in der naturwissenschaftlichen Neuausrichtung der Psychologie als empirischer Disziplin mit klar definier- und beobachtbaren Gegenständen und messbaren sowie formal überprüfbaren Resultaten. Möglich ist das Watson zufolge nur, wenn das Verhalten des Menschen zum zentralen Gegenstand der Psychologie wird.

Die anthropologische Folge einer solchen Neuausrichtung der Psychologie ist das Verschwinden des Menschen: Die Psyche und das Innenleben des Menschen wurden zur Black Box erklärt. Was im Menschen vorgeht, wie sein Verhalten zustande kommt, welche Antriebe, Motive, Gedanken usw. er hat, ist für die behavioristische Psychologie irrelevant. Das Menschenbild des Behaviorismus ist damit ein reduktionistisches: Der Mensch wird reduziert auf das von ihm produzierte Verhalten.

Der Mensch als Reiz-Reaktions-Maschine?

Der Behaviorismus unterscheidet sich damit deutlich von den zuvor vorherrschenden psychologischen Ansätzen: Anders als die psychoanalytischen Ansätze interessiert er sich nicht für innerpsychische Vorgänge und anders als hermeneutische Ansätze trachtet er nicht danach, menschliches Verhalten und Erleben zu verstehen. In den Fokus psychologischer Forschung rückt mit dem Behaviorismus vielmehr die Interaktion zwischen Mensch und Umwelt als beobachtbares Faktum.

Watson beschreibt diese Interaktion als eine Reiz-Reaktions-Beziehung: Bestimmte Umweltreize wirken auf den Menschen ein, der darauf in irgendeiner Form reagiert. Wie diese Reaktion zustande kommt, ist für den klassischen Behaviorismus keine wissenschaftlich untersuchbare Fragestellung, da die innerpsychischen Vorgängen nicht zu beobachten oder zu messen sind. Um sich nicht in Spekulationen zu verlieren, wird die Psyche konsequent ausgeblendet. Zurück bleibt der Mensch damit als Reiz-Reaktions-Maschine: Ein Reiz wirkt auf ihn ein und er spuckt ein Verhalten aus.

Zur Erklärung des Verhaltens wurde die Lerntheorie der Klassischen Konditionierung entwickelt: In Studien konnte Watson, aber auch etwa Iwan Petrowitsch Pawlow zeigen, dass das Verhalten durch Verbindung von Reizen modifiziert werden kann. Berühmt ist etwa das Experiment der Pawlowschen Hunde, in welchem Pawlow den neutralen Reiz eines Glockenklangs mit dem zuvor unkonditionierten Reiz der Futtergabe verband. Vor der Konditionierung reagierten die Hunde auf dargereichtes Futter mit Speichelfluss, während sie auf die Glocke nicht reagierten. Nachdem zahlreiche Male vor der Futtergabe der Glockenklang ertönte, reagierten sie schlussendlich auch dann mit Speichelfluss auf das Klingeln der Glocke, wenn im Anschluss kein Futter ausgegeben wurde – ihr Verhalten wurde durch Verbindung zweier Reize derart modifiziert, dass sie auf einen zuvor neutralen Reiz schließlich reagierten.

Im klassischen Behaviorismus wurde in der Folge angenommen, das Verhalten von Menschen und Tieren durch Reiz-Reaktions-Konditionierung im Grunde beliebig modifizieren zu können. Verhalten wird damit als weitgehend von Umwelteinflüssen determiniert verstanden. Im Kontext von Hundetrainings oder der Konditionierung von Zirkustieren werden derartige behavioristische Methoden noch heute eingesetzt. Auch in der Verhaltenstherapie kommen die methodischen Grundsätze noch heute zur Anwendung.

Die zugrundeliegende Vorstellung vom Menschen als Reiz-Reaktions-Maschine indes wurde in der Folge Ziel massiver Kritik. Sie wurde von unterschiedlichsten Seiten als reduktionistisch-mechanistische Sichtweise, die der Komplexität menschlichen Erlebens, menschlicher Emotion und letztlich auch menschlichen Verhaltens nicht gerecht werde, kritisiert. Auch das Entstehen der Humanistischen Psychologie kann als Reaktion auf den Erfolg des Behaviorismus gewertet werden, setzt sie sich doch explizit von ihm ab und versucht, den ganzen Menschen zu rehabilitieren.

Burrhus F. Skinner und die Erneuerung des Behaviorismus

Dass die reduktionistische Betrachtung des klassischen Behaviorismus schnell an Grenzen stieß und menschliches Verhalten nicht zuverlässig erklären konnte, führte zu Weiterentwicklungen der Theorie. Burrhus F. Skinner ist der wohl prominenteste Vertreter, der den Behaviorismus in Theorie und Praxis deutlich weiterentwickelte. Skinners zentrale Leistung besteht darin, die Lerntheorie um die Mechanismen der operanten Konditionierung erweitert zu haben. Das einfache Reiz-Reaktions-Modell wurde damit überführt in ein solches, das nicht nur auf Umweltreize rekurriert, sondern auch die Ziele menschlichen Verhaltens in den Blick nimmt. Das Bild der Reiz-Reaktions-Maschine wird damit abgeschwächt: Skinner geht anders als Watson nicht davon aus, dass äußere Reize das Verhalten determinieren, sondern rückt den Menschen in den Blick, der sein Verhalten in Abhängigkeit von Umweltreizen variiert. Die Konsequenzen, die durch das gezeigte Verhalten hervorgerufen werden, sind dabei zentral.

Die operante Konditionierung setzt anders als die klassische nicht alleine auf Reiz und Reaktion, sondern führt als zentrales Moment die dargebotene Konsequenz ein. Als Reaktion auf einen Reiz gezeigtes Verhalten wurde in Studien entweder belohnt oder bestraft, was letztlich zur Modifizierung des Verhaltens führte. Gezeigt wurde das vor allem in der sog. Skinner-Box, einer kleinen Box, in der sich außer einem Hebel, einer Lichtquelle und einer Futterausgabe kaum Reize finden. In Experimenten wurden Ratten in diese Skinner-Box gesetzt, die für sie eine fremde Umgebung darstellte. Im Rahmen der Erkundung der Umgebung variierten sie ihr Verhalten – sie beschnüffelten und berührten unterschiedliche Bereiche der Box. Berühren sie nun den Hebel, während das Licht brennt, wird Futter ausgegeben. Berühren sie ihn, wenn das Licht nicht brennt, geschieht nichts. Die Futterausgabe kann als positive Belohnung für ein bestimmtes Verhalten – Hebeldruck bei Licht – verstanden werden. Im Experiment konnte gezeigt werden, dass die Ratten dieses Verhalten schnell erlernten und immer wieder zeigten, während andere Verhaltensweisen seltener wurden. Sie waren also mit den Konsequenzen verschiedener Verhaltensweisen konfrontiert und etablierten diejenige Verhaltensweise, die zu einer angenehmen Konsequenz führte. Die Auftretenswahrscheinlichkeit bestimmter Verhaltensweisen lässt sich durch operante Konditionierung folglich verändern. Ganz ähnlich, wenn auch weniger zuverlässig, funktioniert die operante Konditionierung mit Bestrafungen positiver oder negativer Art.

Für das Menschenbild des Behaviorismus nach Skinner bedeutet das, dass es insofern weniger reduktionistisch als das des klassischen Behaviorismus ist, als es dem Menschen (wie anderen Tieren) eine Verhaltenssteuerungskompetenz zugesteht. Der Grundgedanke, der Mensch sei weitgehend Reiz-Reaktions-Schemata unterworfen, ohne sein Verhalten frei steuern zu können, ist jedoch auch bei Skinner zentral, gilt das Verhalten doch auch hier als auf simple Weise von außen steuerbar. Aus pädagogischer Sicht handelt es sich damit auch bei den von Skinner eingeführten Theorien und Methoden vor allem um das Rüstzeug zur Dressur des als Objekt verstandenen Menschen, nicht jedoch um Interventionen, die ihn als mündiges und selbstbestimmtes Wesen anerkennen.

Behaviorismus in der Praxis: Verhaltenstherapie, Erziehung und Sprachunterricht

In der Psychologie war die behavioristische Theorie lange Zeit wirkmächtig. Stärkere Veränderungen haben sich vor allem durch die Etablierung des Kognitivismus ergeben, sodass heute kaum noch rein behavioristische Lehren vertreten werden. Dennoch ist der Behaviorismus in einer veränderten und mit kognitivistischen Annahmen vermengten Form bis heute aktuell und in der Psychologie zentral.

In der Psychotherapie sind behavioristische Lehren ebenfalls bis heute wirksam. So basiert etwa die heutige Verhaltenstherapie vor allem auf behavioristischen Grundannahmen, wenngleich sie im Rahmen der sog. Kognitiven Wende deutlich modifiziert und komplexer gestaltet wurde. Dennoch wird das Verhalten inklusive aller als pathologisch angesehenen Verhaltensweisen in der Verhaltenstherapie bis heute als erlernt und als verlernbar verstanden. Verhaltenstherapie zielt folglich darauf, neue Lernerfahrungen zu ermöglichen und das Verhalten derart zu modifizieren, dass die psychische Belastung abnimmt.

Auch im Kontext schulischer und außerschulischer Erziehung waren behavioristisch orientierte Methoden lange wirkmächtig. Zu denken ist hier vor allem an die Arbeit mit Belohnungen und Bestrafungen im Haushalt oder in der Schule. Vor-die-Tür-Schicken oder In-die-Ecke-Stellen als Reaktion auf Unterrichtsstörungen, Beschimpfungen nach dem Brechen familiärer Regeln oder Verbote in Folge schlechter schulischer Leistungen sind typische positive wie negative Bestrafungen, während Fleißstempel in Schulheften, Belohnungen für gute Noten oder Zuwendung bei ruhigem Verhalten positive Verstärker darstellen. Über die Etablierung einzelner Methoden hinaus hatte die behavioristische Theorie jedoch kaum Einfluss auf institutionelle Bildungsinstitutionen.

Im Rahmen des Sprachunterrichts und der Tiererziehung jedoch sind die behavioristischen Lerntheorien bis heute von zentraler Bedeutung. So baut etwa der Unterricht in Hundeschulen ebenso wie die Dressur von Pferden ausschließlich auf operante Konditionierung: Verhalten wird vorwiegend durch Verstärkung, seltener durch Bestrafung dauerhaft in die gewünschte Richtung gelenkt. Dass eine derartige Dressur, die das zu erziehende Tier als formbares Objekt versteht, bei der Erziehung von Tieren heute noch als akzeptabel gilt, während sie im Kontext schulischer und außerschulischer Erziehung als reduktionistische, anti-pädagogische Sichtweise zurückgewiesen wurde, lässt sich indes als starkes Indiz einer speziesistischen Weltsicht auffassen, die nicht nur aus ethischer Perspektive, sondern auch vor dem Hintergrund der behavioristischen Forschungen zurückzuweisen ist, zeigten sich Mensch und Tier doch beide als weitgehend konditionierbar.

Beim Erlernen von Fremdsprachen setzen vor allem digitale Lernprogramme auf behavioristische Methoden, indem sie mit Verstärkern unterschiedlichster Art arbeiten. Beliebt ist hier etwa die Arbeit mit kleinen Spielen oder Abzeichen als Belohnung für regelmäßiges Vokabellernen sowie der Einsatz von positiv konnotierten akustischen Reizen oder Grafiken nach korrekt beantworteten Fragen. Auch die Freischaltung weiterer Lerneinheiten nach Bestehen von Zwischentests kann als positive Verstärkung verstanden werden.

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