Sprachliche Relativität und Mehrsprachigkeit

Sprachliche Relativität und Mehrsprachigkeit

Ludwig Wittgenstein schrieb, dass die „Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt“1 seien. Bereits vor ihm begriff Wilhelm von Humboldt die Verschiedenheit der Sprachen „nicht [als] eine von Schällen und Zeichen, sondern eine Verschiedenheit der Weltansichten selbst“.2 In die Linguistik hielt das Konzept deutlich später mit der Sapir-Whorf-Hypothese Einzug. Dass Sprache und Denken in enger Verbindung stehen, dass Sprache das Denken beeinflusst, ist weitgehend unbestritten. Die angeführten Zitate Wittgensteins und Humboldts verdeutlichen darüber hinaus, dass daraus folgend unterschiedliche Sprachen unterschiedliche Denkwelten konstituieren. Doch was bedeutet das konkret für die Mehrsprachigkeit? Der vorliegende Artikel möchte dieser Frage nachgehen und die Konsequenzen der Theorie sprachlicher Relativität im Sinne Humboldts für eine Theorie der Mehrsprachigkeit erörtern.

Die Sapir-Whorf-Hypothese: Von der Sprache zum Denken zur Welt

Die Sapir-Whorf-Hypothese stellt die modernste Ausformung des bereits zitierten Humboldt’schen Gedankens dar: Die Struktur der Sprache formt das Denken und dieses wiederum bestimmt unsere individuelle Erschließung der Welt. Ist die Struktur der Sprache nun konstitutiv für unser Denken und damit für unseren Blick auf die Welt, so muss in unterschiedlichen Sprachen unterschiedlich gedacht werden, wodurch sich auch die Art der Welterschließung unterscheidet.

Plausibilisieren lässt sich diese These durch Verweis auf tatsächliche Unterschiede exemplarischer Sprachen. Ein prominentes Beispiel stellen hier die Farbwörter dar, die sich von Sprache zu Sprache unterscheiden. Während im Deutschen für grünliche Farbtöne etwa die Begriffe Hellgrün, Dunkelgrün, Grasgrün, Olivgrün, Minzgrün, Smaragdgrün, Blaugrün und Türkis existieren, existiert etwa im Walisischen das Farbwort glas, das einen Grünton, der auch blaue und graue Anteile enthält, beschreibt. Wer nur Deutsch spricht, wird, wird er mit dem Farbton, der im Walisischen glas heißt, konfrontiert, eine Einordnung in das ihm bekannte Farbschema vornehmen und ihn vielleicht als olivgrün oder dunkelgrün bezeichnen. Das wiederum kommt einem Unterschied in der Wahrnehmung gleich: Wer nur Deutsch spricht, wird diesen besonderen Farbton nicht von anderen oliv- oder dunkelgrünen Tönen unterscheiden können. Noch deutlicher wird die Auswirkung der Sprache auf die Wahrnehmung indes bei Sprachen, die beispielsweise nicht zwischen Blau- und Grüntönen unterscheiden: Während die Farbe von Himmel und Gras im Deutschen unterschieden wird, ist das in vielen anderen Sprachen nicht der Fall – was mit fehlenden Unterschieden in der Wahrnehmung korreliert.3 Ähnlich verhält es sich zwischen dem Deutschen und dem Russischen: Während im Deutschen unterschiedliche Farbtöne unter der Bezeichnung blau subsummiert werden, gibt es im Russischen keinen solchen Oberbegriff, sondern vielmehr zwei gänzlich verschiedene, die das Blauspektrum unterteilen: голубой und синий, was in der Übersetzung grob Hell- und Dunkelblau entspricht, bezeichnen zwei verschiedene Farbtöne, die nicht als bloße Schattierungen einer gemeinsamen Grundfarbe, sondern ihrerseits als Grundfarben aufgefasst werden, und sind sprachlich nicht verwandt. Dass sich das auf die Wahrnehmung auswirkt, konnte indes auch empirisch gezeigt werden. In einer Studie sollten englisch- und russischsprachige Proband*innen zwischen verschiedenen Blautönen unterschieden. Die russischsprachigen Proband*innen unterschieden deutlich schneller zwischen Hell- und Dunkelblau, während es ihnen schwerer als den englischsprachigen Proband*innen fiel, zwischen zwei Hell- oder zwei Dunkelblautönen zu differenzieren. Weitere Tests deuteten darauf hin, dass die sprachverarbeitenden Regionen im Gehirn wesentlich an der schnelleren Unterscheidung bei erstgenannter Aufgabe beteiligt waren, was die These, die Sprache beeinflusse die Wahrnehmung, stützt.4

Die Formung der Denk- durch die Sprachstrukturen ist jedoch keineswegs auf das Vokabular beschränkt. Auch die grundlegeren Strukturen wirken sich massiv auf das Denken aus. Als Beispiel wird häufig die Sprache Pirahã angeführt, die lediglich von wenigen hundert Menschen im brasilianischen Regenwald gesprochen wird. Beobachtungen zufolge existieren in dieser Sprache keine Zahlwörter; auch eine Unterscheidung von Singular und Plural existiert nicht. In Experimenten mit vier Personen, die Pirahã sprechen, wurde gezeigt, dass lediglich das relationale Konzept ‚mehr‘ bzw. ‚weniger‘ existiert und zur Benennung von Mengen gebraucht wird, die konkrete Anzahl an Gegenständen jedoch nicht bezeichnet werden kann. Dem korrespondiert eine Beobachtung des Psychologen Peter Gordon, der berichtet, dass Pirahã-Sprechende in Feldversuchen nicht zuverlässig zwischen Gruppen mit vier oder fünf Objekten unterscheiden konnten.5 Daniel L. Everett, der Pirahã jahrelang erforschte, kritisiert Gordons Versuchsaufbau zwar, stimmt jedoch Gordons Konklusion, das Konzept des Zählens sei Pirahã-Sprechenden unbekannt, zu.6

Letztlich muss damit festgehalten werden, dass der Theorie sprachlicher Relativität zufolge das eigene Denken grundlegend beeinflusst wird durch die beherrschten Sprachen. Wer nur eine Sprache beherrscht, ist in seinem Wahrnehmen, Erleben und Interpretieren der Welt immer zurückgeworfen auf die strukturellen und konzeptionellen Grundlagen dieser Sprache. Hieraus ergibt sich indes das grundlegende Probleme der Unmöglichkeit der exakten Übersetzung und des exakten Verstehens zwischen zwei Sprachen. Wird die Sapir-Whorf-These strikt ausgelegt, kann Kommunikation zwischen Sprechenden unterschiedlicher Sprachen nie so gelingen, wie sie zwischen Sprechenden der gleichen Sprache gelingt, da auf unterschiedliche jeweils sprachlich determinierte Konzepte Bezug genommen wird. Exemplarisch verwiesen werden kann hier wieder auf das Pirahã-Beispiel: Ein deutschsprachiger Mensch, der Pirahã erlernt, wird in der Kommunikation mit einem ausschließlich Pirahã sprechenden Menschen nicht verständlich machen können, dass er seit Wochen die Tage bis zur Abreise nach Brasilien gezählt hat oder dass es sich um exakt sieben Menschen handelt, mit denen er zusammen unterwegs ist. Entsprechend lässt sich der Satz „Wir sind zu siebt unterwegs“ nicht sinngetreu in Pirahã übertragen.

Das impliziert explizit keine Hierarchisierung unterschiedlicher Sprachen! Die Sprachen basieren auf einer unterschiedlichen konzeptuellen Basis, die zu einem differenten Erleben und Denken führt, das jedoch nicht besser oder schlechter ist: So wie Pirahã-Sprechenden das Konzept des Zählens nicht zugänglich ist, ist Deutsch-Sprechenden ein Weltzugang ohne das Konzept des Zählens versperrt. Es ist also gerade nicht der Fall, dass Pirahã-Sprechenden etwas fehlt, über welches Deutsch-Sprechende über die Pirahã-Konzepte hinaus verfügen; es liegt vielmehr eine wechselseitige konzeptuelle Nicht-Zugänglichkeit vor.

Everett sieht für die beschriebenen Besonderheiten des Pirahã indes eine umgekehrte Kausalität: Er geht entgegen der Sapir-Whorf-Hypothese davon aus, dass die Lebenswelt (und Lebensweise) der Pirahã bestimmte Konzepte schlicht nicht erfordere, sodass diese in der Sprache nicht ausgebildet wurden. Diese Annahme jedoch erscheint unwahrscheinlich: Nach Aussage Everetts waren die Pirahã, mit denen er zusammenarbeitete, aus Handelsgründen hochgradig daran interessiert, das Konzept des Zählens zu erlernen7 – was dafür spricht, dass es in ihrer heutigen Lebenswelt durchaus nützlich wäre, sodass das Fehlen des Konzepts in Denken und Sprache nicht mit fehlender lebensweltlich-kultureller Notwendigkeit begründet werden kann. Auch Everetts kulturalistische These zur Begründung fehlenden Sprachwandels durch Aneignung fremdsprachlicher Zahlwörter erscheint vor dem Hintergrund des geäußerten Wunsches, zählen zu lernen, unplausibel, sofern dieser als ernsthaft motiviert verstanden wird. Everetts Beobachtungen, dass keiner der Pirahã, dem er das Zählen zu vermitteln versuchte, erfolgreich war, wohingegen ein „Mädchen […] [, das] längere Zeit in einem Krankenhaus in der Stadt behandelt werden“8 musste, nach der Rückkehr „gut Portugiesisch sprach“9 , was ein Zahlenverständnis voraussetzt, stützt die Sapir-Whorf-Theorie vielmehr: Hier scheint das Erlernen der weiteren Sprache respektive das enge Eingebundensein in eine andere Sprachwelt den entscheidenden Erfolgsfaktor darzustellen, nicht aber die zahlenaffinere Umgebung, da mit Handelskontakten und Everetts Zählunterricht auch in der Welt der Pirahã Zahlenverständnis zumindest nützlich wäre.

Konsequenzen für die Mehrsprachigkeit: Anders denken lernen

Vor dem Hintergrund der Theorie sprachlicher Relativität betrachtet, muss das Erlernen einer Fremdsprache als Eintauchen in eine neue Denkwelt verstanden werden: Das Aneignen der neuen Sprache bedeutet das Aneignen neuer Welterschließungs-, neuer Denk- und neuer Wahrnehmungsstrukturen. Gemünzt auf das Eingangszitat Wittgensteins lässt das den Erwerb einer Fremdsprache als Erweiterung der eigenen Welt begreifbar werden.

Wird diese theoretische Erkenntnis auf das Exempel gebrochen, wird sie schnell plausibel. Bezogen auf das Beispiel der Farbwörter lässt sich etwa darauf verweisen, dass ein Mensch, der nach dem Deutschen nun das Walisische erlernt, im Anschluss andere bzw. neue Farben sehen wird: Das begriffliche Konzept eröffnet ihm einen Blick auf die Welt, den er vorher aufgrund fehlender begrifflicher Einordnungskategorien nicht haben konnte. Diese Veränderung der Wahrnehmung wiederum eröffnet neue Räume des Denkens, die zuvor nicht offenstanden.

Noch stärker verändert wird das eigene Denken indes, wenn eine neue Sprache gänzlich neue Konzepte erschließt. Wer bisher nur Piraha spricht, wird mit dem Erlernen etwa der deutschen Sprache das bisher völlig fremde Konzept der Zahlen und des Zählens erwerben. Ähnliches lässt sich für die Sprache Guugu Yimithirr, die von Aborigines in der australischen Gemeinde Hopevale gesprochen wird, feststellen: In dieser Sprache sind relative Ortsbezeichnungen – rechts, links, davor, dahinter, daneben – unbekannt. Stattdessen wird die Lage unter Verweis auf die Himmelsrichtung – nördlich, östlich, südlich, westlich – angegebenen. Der Erwerb etwa des Englischen führt für Guugu-Yimithirr-Sprechende zum Erwerb eines gänzlich neuen Konzepts, das das Denken über Beziehungen von Dingen zueinander verändern wird. Umgekehrt verhält es sich indes genauso: Wer Guugu Yimithirr beherrschen und sich verständigen können will, muss lernen, die Welt gänzlich anders wahrzunehmen, anders zu denken. Für Deutsch- oder Englischsprechende ist es ohne Kenntnisse in Guugu Yimithirr unvorstellbar, auf Himmelsrichtungen zu achten, diesen einen zentralen Platz in der Weltwahrnehmung einzuräumen und Beziehungen in Himmelsrichtungsverhältnissen zu denken – und genau das ändert sich durch den Erwerb dieser Sprache. Interessant ist hierbei, dass die Konzepte für Sprechende beider Sprachen durchaus nebeneinander bestehen können. Wer etwa Englisch und Guugu Yimithirr spricht, kann variabel auf beide Konzepte zurückgreifen und Lagebeziehungen zwischen Gegenständen flexibel denken, da die beiden Konzepte als komplementär und nicht als konkurrierend zu verstehen sind.

Beim bereits bemühten Pirahã-Beispiel verhält es sich hingegen anders, was aufzeigt, dass der Veränderung des Denkens durch Erwerb weiterer Sprachen Grenzen gesetzt sind: Wer das Konzept des Zählens und der Zahlen mit einer Sprache erworben hat, wird die Welt nicht durch die Brille der Pirahã-Sprache betrachten können, da das einmal erlernte Konzept nicht mehr verlorengeht. Dieses Konzept des Zählens wiederum ist – anders als das der geografischen Lagebezeichnung – nicht komplementär zu dem des Nicht-Zählens, was in letzter Konsequenz dazu führt, dass die betreffende Sache nicht durch den Nicht-Zählen-Blick betrachtet werden kann, solange der Blick auch unter der Perspektive von Zahlenverhältnissen möglich ist. Eine grundsätzliche Erweiterung der Denk- und Wahrnehmmöglichkeiten findet durch den Erwerb von Pirahã also nicht statt und Pirahã-Sprechende, die etwa Deutsch oder Englisch erlernen, erwerben damit zwar die Denk- und Wahrnehmmöglichkeiten, die mit dem Konzept des Zählens einhergehen, verlieren gleichzeitig jedoch unwiederbringlich ihre bisherige Perspektive. Plausibilisieren lässt sich diese Differenz zu Guugu Yimithirr indes durch eine Betrachtung der Entwicklung des Zahlenverständnisses: Der durchschnittliche westliche Mensch durchlebt zunächst ein Stadium, in dem ihm das Konzept des Zählens fremd ist; er betrachtet die Welt zahlenlos. Erlernt er jedoch einmal das Konzept des Zählens, ist ihm dieser Blick auf die Welt – das zeigt unsere eigene Erfahrung – nicht mehr möglich. Parallelisieren lässt sich diese Entwicklung mit dem Schriftspracherwerb: Wer einmal zu lesen lernt, hat nicht mehr die Möglichkeit, unbefangen Buchstabenreihen zu betrachten, und verliert damit eine bestimmte Perspektive auf die Welt. Der Fremdsprachenerwerb führt damit nicht zwangsläufig zu einem Mehr an Denk- und Perspektivmöglichkeiten, sondern kann diese punktuell auch beschneiden. Die beiden Konzepte der Lagebezeichnung und des Lagedenkens hingegen, die in den westlichen Sprachen parallel existieren, verunmöglichen die jeweils andere nicht: Es gibt zahlreiche Menschen, die beide Konzepte nebeneinander verwenden und in beiden Raumbeziehungen zu denken in der Lage sind. Bei dieser Komplementarität handelt es sich um den Normalfall – eine weitere Sprache geht in der Regel mit erweiterten Möglichkeiten einher.

Kritik an der Theorie sprachlicher Relativität

So plausibel die Theorie – auch angesichts der beschriebenen empirischen Evidenz – auch erscheint, so muss doch auch festgehalten werden, dass sie innerhalb der Linguistik keineswegs unumstritten ist. Das Gegenlager, das einen sprachlichen Universalismus vertritt, findet seinen populärsten Vertreter in Noam Choamsky, der die Theorie einer Universalgrammatik vertritt. Zugrunde liegt seiner Theorie die Annahme, Sprache sei gewissermaßen genetisch im Menschen angelegt und die Unterschiede zwischen verschiedenen Sprachen seien lediglich phänotypischer Art, wohingegen der innere Kern immer gleich sei. Relevante Unterschiede in der Wahrnehmung der Welt und im Denken müssen damit ebenfalls negiert werden. Die Relevanz des Fremdsprachenerwerbs beschränkte sich damit auf rein kommunikative und möglicherweise ästhetische Aspekte – und verlöre im Zeitalter beständiger maschineller Übersetzungsmöglichkeiten rapide an Bedeutung. Gegen Chomsky und andere Universalist*innen kann angeführt werden, dass Evidenz für die These einer Universalgrammatik empirisch letztlich nur bei Verengung auf die westliche Welt mit ihren indogermanischen Sprachen vorzuliegen scheint. Die Einbeziehung hinsichtlich der Genese gänzlich divergierender Sprachen – etwa des Pirahã oder des Guugu Yimithirr oder auch des Japanischen – lässt an der Idee der Universalgrammatik zweifeln. Auch Chomskys stark reduzierte These, nur die Rekursion sei ein universelles Merkmal jeder Sprache, muss unter Verweis auf das Pirahã zurückgewiesen werden – denn neben Zahlen und dem dahinterstehenden Konzept kennt es auch keine Rekursion, ermöglicht also nicht das Ineinanderbetten gleicher Strukturen.10

Ebenfalls gegen das Konzept der Sapir-Whorf-Hypothese gerichtet ist die sog. Repräsentationstheorie der Sprache, der zufolge Sprache keinen welterschließenden Charakter, keinen Einfluss auf das Denken und die Wahrnehmung habe, sondern die als objektiv verstandene Welt lediglich starr abbilde. Während die Sapir-Whorf-Hypothese in starker Auslegung verstanden werden kann als Verweis darauf, verschiedene Sprachen schlössen tatsächlich differente Welten auf, verweist die Repräsentationstheorie auf eine universelle Welt, die von allen Sprachen lediglich abgebildet wird. Das wiederum eröffnet – das sei hier wiederum kritisch angemerkt – den Raum für eine Hierarchisierung, wenngleich dieser Versuch wiederum die Frage aufwirft, welcher Referenzrahmen zur Messung der repräsentativen Leistungsfähigkeit einer Sprache heranzuziehen ist, wenn die Welt außersprachlich schlicht nicht zugänglich ist. Der Verweis auf physikalische Phänomene und streng naturwissenschaftliche Messungen als Skalenreferenz muss indes scheitern, da auch diese sich letztlich sprachlich formieren und ausschließlich in sprachlicher Form vermittelt werden können. Überdies muss auch hier eine perspektivlose Objektivität negiert werden, lässt sich der einordnende, messende und damit in seiner (sprachlich verfassten) Subjektivität involvierte Mensch als relevanter Faktor der streng naturwissenschaftlichen Datenerhebung nicht ausmerzen.

Fazit: Fremdsprachen erschließen andere Denkwelten

Abschließend lässt sich festhalten, dass Fremdsprachen vor dem Hintergrund der Theorie sprachlicher Relativität zu verstehen sind als Schlüssel zu anderen Welten. Sie eröffnen nicht bloß neue kommunikative Räume, sondern zum Teil gänzlich neue Wahrnehmungs-, Verarbeitungs- und damit Denkmöglichkeiten. Ausgehend von der Sapir-Whorf-Hypothese muss der Fremdspracherwerb damit – trotz einiger Einschränkungen – verstanden werden als Möglichkeit, die Sphäre der jeweiligen Wahrnehmungs-, Verständnis- und Verarbeitungspotentiale deutlich zu erweitern.

 

1. Wittgenstein, Ludwig (1922): Logisch-philosophische Abhandlung. Satz 5.6.
2. Humboldt, Wilhelm von (1820/1905): „Über das vergleichende Sprachstudium in Beziehung auf die verschiedenen Epochen der Sprachentwicklung“. In: Derselbe: Wilhelm von Humboldts Gesammelte Schriften. Vierter Band. Herausgegeben von Albert Leitzmann. S. 27.
3. Vgl. Davies, Ian; Davidoff, Jules B.; Roberson, Debi (2002): „Color categories are not universal. Replications and new evidence“. In: Brakel, Jaap van; Saunders, Barbara (Hrsg.): Theories, Technologies, Instrumentalities of Color: Anthropological and Historiographic Perspectives. Lanham. S. 25-35.
4. Vgl. Boroditsky, Lera; Frank, Michael C.; Wade, Alex R.; Winawer, Jonathan; Witthoft, Nathan; Wu, Lisa (2007): „Russian blues reveal effects of language on color discrimination“. In: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America. 104. (19). S. 7780-7785.
5. Vgl. Gordon, Peter: „Numerical Cognition Without Words: Evidence from Amazonia“. In: Science. Vol. 306, Issue 5695. S. 496-498. DOI: doi.org/10.1126/science.1094492
6. Vgl. Everett, Daniel: „Cultural Constraints on Grammar and Cognition in Piraha: Another Look at the Design Features of Human Language”. In: Current Anthropology. 46(4). S. 632.
7. Vgl. ebd.
8. Less-Möllmann, Anette (2005): „Wer Salat isst, spricht nicht Pirahã“. In: Gehirn&Geist. 9/2005. S. 38.
9. Ebd.
10. Bsp.: Der Hund, der auf den Mann traf, der zuvor mit der Frau gesprochen hatte, die in dem Viertel wohnte, in dem auch Peter, dessen Bruder den Hund immer fütterte, lebte, war müde.

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