Tanzen mit Parkinson: Gegen den Abbau antanzen

Tanzen bei Parkinson: Tanztherapie

„Ich gehe wie auf Federn wieder raus!“

(Parkinsonpatientin nach einer Tanzstunde)

Auf den ersten Blick scheinen Tanz und Parkinson, das Krankheitsbild ist vor allem durch Bewegungseinschränkungen gekennzeichnet, unvereinbar. Trotzdem gilt die Tanztherapie als vielversprechender Ansatz in der Behandlung.

Parkinson als neurodegenerative Erkrankung

Parkinson ist eine neurodegenerative Erkrankung, bei der die Nervenzellen in der Substantia Nigra, einem Kernkomplex im Mittelhirn, zugrunde gehen. Die Substantia Nigra ist über Nervenfasern mit den Bewegungszentren des Gehirns verbunden und somit vor allem an der Planung und Initiierung von Bewegungen beteiligt. Der Neurotransmitter, also Überträger der Signale, ist dabei Dopamin, welches beim gesunden Menschen von den Zellen der Substantia Nigra freigesetzt wird und anschließend ihre Signale als Botenstoff in die entsprechenden Gehirnareale überträgt (Stangl, 2021). Dopamin ist also verantwortlich für die Kommunikation der Nervenzellen untereinander. Sterben die Zellen der Substantia Nigra ab, wird auch weniger Dopamin produziert und freigesetzt, sodass die Signalübertragung zu den motorischen Gehirnarealen beeinträchtigt wird. Neueste Forschung zeigt, dass auch ein nicht funktionierender Proteinabbau, Dysfunktion der Mitochondrien (auch als Kraftwerke der Zelle bezeichnet) und Entzündungsvorgänge im Nervenzellgewebe mit Morbus Parkinson in Zusammenhang stehen (Kouli, Torsney, & Kuan, 2018). Ein vielschichtiges Krankheitsbild also, dessen Ursachen noch nicht vollständig erforscht sind.

Auch die Symptomatik ist zu Beginn der Erkrankung recht diffus und wird häufig dem natürlichen Alterungsprozess zugeschrieben, sodass Morbus Parkinson teilweise erst spät erkannt wird. Zu den frühen Symptomen gehören unter anderem innere Unruhe, Verstopfungen, weniger lebhafte Mimik, ein verlangsamter Gang und Schwierigkeiten bei feinmotorischen Bewegungen.
Erst mit dem Fortschreiten der Erkrankung zeigen sich deutlichere Symptome, die spezifisch sind für Morbus Parkinson. Neben körperlichen Einschränkungen wie dem Tremor (Zittern), Rigor (Muskelsteifigkeit) und allgemeinen Haltungsstörungen leiden die Betroffenen auch unter Problemen beim Sprechen und an Depression (Mattle & Mumenthaler, 2013).
Die Wahrnehmung der abnehmenden körperlichen Fähigkeiten stellt für einen Großteil der Betroffenen eine zusätzliche psychische Belastung dar.

Tanztherapie bei Parkinson

Die Symptome können dabei zwar bis zu einem gewissen Grad durch medikamentöse Behandlung gelindert werden, die Ursachen jedoch, etwa das Zellsterben im Gehirn, sind bis dato medikamentös nicht behandelbar (Armstrong & Okun, 2020).
Und hier kommt der Tanz ins Spiel, dem eine deutlich vielversprechendere therapeutische Wirkung zugeschrieben wird – auch von der Wissenschaft. Ein aktuelles Übersichtspaper des Forschers Ismail Toygar und seiner Kollegin Yasemin Yildirim (Toygar & Yıldırım, 2018) fasst den aktuellen Wissensstand zur Tanztherapie bei Parkinson wie folgt zusammen:
Tanzen führt zu einem besseren Gleichgewicht und damit auch zu einer Abnahme von Stürzen, die häufig als Folge der Parkinsonsymptomatik auftreten. Besonders gut sind dabei die Tanzrichtungen Tango Argentino und Irish Set Dance geeignet. Denn vor allem Tango Argentino zeichnet sich durch häufige Bewegungs-, Richtungs- und Rhythmuswechsel aus. Durch die so neu gelernten Bewegungsabfolgen werden Synapsen aktiviert, wodurch der Abbau des Gehirns verlangsamt und gleichzeitig die Verknüpfung der einzelnen Nervenzellen untereinander verbessert wird. Tango Argentino aber auch Irish Set Dance bringen den weiteren Vorteil mit sich, dass mit einem*r Partner*in getanzt werden kann, was den Teilnehmer*innen je nach Bedarf eine zusätzliche Sicherheit und Stabilität bietet.
Ebenfalls nicht zu vernachlässigen sind die psychischen Zugewinne der Tanzstunden in der Gruppe. Spaß, Geselligkeit sowie Zugehörigkeit zu Gleichgesinnten unterstützen die Betroffenen bei der Bewältigung der Last der Krankheit zusätzlich.

Die Praxis: Interview mit Tanztherapeutin Soi Anifantis-Scherb

In der Theorie klingt das sehr positiv und Tanz scheint das Potenzial zu haben, dem ursächlichen Zellsterben im Gehirn, durch welches die Symptome ausgelöst werden, entgegenzuwirken. Aber wie sieht es in der Praxis aus? Bei meiner Recherche zu entsprechenden Unterrichtsangeboten bin ich auf das Netzwerk projekt:tanz aus Hamburg gestoßen, das Tanzstunden für Menschen mit Parkinson anbietet.
Ich habe die Tanztherapeutin Soi Anifantis-Scherb befragt, die für projekt:tanz tätig ist.

intrapsychisch.de: Woher stammt die Idee, Tanzen als wirkungsvolle Therapie von Morbus Parkinson einzusetzen?

Soi Anifantis-Scherb: Es gibt wissenschaftliche Studien, die belegen, dass Tanzen sich positiv auf die Symptomatik der Krankheit auswirkt. Im Ausland ist „Dance for PD“ (Parkinson Disease) eine ziemlich große Sache. In Amerika vertritt die Mark Morris Dance Group die Szene, in England bietet das English National Ballet Kurse an. In Deutschland gibt es nichts Vergleichbares. Wir wollten das gerne ändern.

IP: Wie ist eine Tanzstunde mit Parkinsonpatient*innen aufgebaut? Welche Übungen werden mit den Patient*innen durchgeführt?

Soi Anifantis-Scherb: Eine Stunde geht in der Regel 45´-60´. Es handelt sich hierbei um Gruppenaktivitäten.
Wir fangen immer mit einem gemeinsamen Warm-Up in einem Stuhlkreis an. Damit kommen wir an, im Hier-und-Jetzt, im Raum und lassen unseren „Rucksack“ mit negativen Gedanken, Erlebnissen und Schmerz draußen. Gleichzeitig bereiten wir den Körper vor auf die Bewegung. Das machen wir zum Beispiel durch Kneten oder Abklopfen des ganzen Körpers.
Danach folgen Tänze im Sitzen oder Stehen, kleine angeleitete Improvisationen und manchmal auch Choreografien, die die Koordination fördern, aber auch ein gemeinsames Tanzerlebnis erfüllen. Jede Stunde ist eigentlich auch ein bisschen anders, da man immer auf die körperliche Verfassung eingehen muss, die die Teilnehmer*innen an dem Tag haben.
Die Stunde wird wieder mit einem Kreis beendet, wobei wir uns an den Händen halten und einen Puls, einen Händedruck weitergeben und dann noch einen Wunsch. Zum Schluss gibt es eine Verbeugung und Applaus, wie in jeder Tanzstunde.

IP: Wie unterscheidet sich das Tanzen mit Parkinsonpatient*innen vom normalen Tanzunterricht?

Soi Anifantis-Scherb: Man muss immer spontan handeln können, ein Programm, was man sich vorher überlegt hat, durchzuziehen, ist eher unwahrscheinlich. Auch das Tempo, in dem ich unterrichte, ist ein geringeres.

IP: Welchen besonderen Herausforderungen sieht sich der*die Tanztherapeut*in bei Tanzstunden mit Parkinsonpatient*innen gegenübergestellt?

Soi Anifantis-Scherb: Einmal die Herausforderung der Flexibilität in der Planung, wie in der Frage davor beschrieben. Aber auch die Situation, dass man Menschen mit verschiedenen Bewegungseinschränkungen bzw. Stadien der Krankheit in einer Stunde hat. Dann muss man die Übungen differenziert gestaltet.

IP: Was nehmen die Teilnehmer*innen aus den Tanzstunden mit bzw. welchen positiven Nutzen können die Teilnehmer*innen aus den Tanzstunden ziehen?

Soi Anifantis-Scherb: Positive Veränderungen, die man sofort sieht, sind eine Verbesserung in Haltung, Gang und Koordination, ein gestärktes Selbstbewusstsein und ein verbessertes Körperbewusstsein. Durch das Tanzen und das gemeinsame Erlebnis wird Mobilität zurückgegeben und erhalten, Koordination geschult, Motorik verbessert und auch das Selbstvertrauen gestärkt, ein soziales Miteinander erlebt und Musik und Kunst ausgeübt. Aber auch das Gefühl, aktiv gegen die Krankheit vorzugehen.

IP: Warum hilft gerade Tanz so gut?

Soi Anifantis-Scherb: Das Tanzen stellt eine nichtmedikamentöse Begleittherapie dar, die nicht nur die Mobilität erhalten und verbessern soll, sondern durch das gemeinsame künstlerische Erlebnis auch eine Verbindung untereinander schafft und Lebensfreude vermittelt.
Die Kombination von Bewegung und Musik ist besonders erfolgreich, denn rhythmische Bewegungen führen nachweislich zu einer Verbesserung der Symptome. Die Ursache hierfür ist noch unergründet. Es kann damit zusammenhängen, dass Musik und Bewegung jeweils unterschiedliche Bereiche im Gehirn ansprechen bzw. stimulieren und dass diese Kombination so «erfolgreich» ist.

IP: Was nehmen die Therapeut*innen aus den Tanzstunden mit?

Soi Anifantis-Scherb: Jede Stunde ist für mich besonders, da immer mindestens eine Person eine sofortige Verbesserung der Symptome zeigt. Auch die Situation, keinen konkreten Plan zu haben, sondern jedes Mal zu gucken, was ich an dem Tag mit den Teilnehmer*innen machen kann, mag ich sehr. Das schult meine Spontanität und hält fit.

IP: Wie kann man als Patient*in an euren Tanzstunden teilnehmen? Wo werden die Tanzstunden angeboten?

Soi Anifantis-Scherb: Es gibt zwei Gruppen in Hamburg (in Niendorf und in der Innenstadt), die sich jeweils alle 14 Tage treffen. Aktuell finden diese online über Zoom statt. Alle Infos gibt es auf www.projekttanz.com oder unter mail@projekttanz.com. Wir bieten die Tanztherapie auch in Kliniken in Hamburg an, als Teil der Parkinson-Komplextherapie.

IP: Gibt es noch etwas, was die Leser*innen über Tanzen mit Parkinson wissen müssen?

Soi Anifantis-Scherb: Viele haben Angst vor dem Tanzen, weil sie denken, sie müssten jetzt Paartanz machen. Unser Unterrichtskonzept ist aber ein ganz anderes! Die Kombination von Bewegung und Musik steht im Vordergrund. Wir verbinden Elemente aus Ballett, zeitgenössischem Tanz, Stepp- und Standardtanz und Improvisation, sodass es immer ein bunt gemischtes Programm ist.
Wer nicht in Hamburg lebt und trotzdem mit uns tanzen möchte, kann bei uns die kostenlose DVD „…und dann hab ich einfach getanzt“ mit 16 Tanz- und Bewegungsübungen für zu Hause bestellen. [Anm. d. Red.: Die kostenlose DVD gibt es hier.]

IP: Vielen Dank Soi für dieses spannende Interview!

Ich hoffe, dass die Einblicke, die uns Soi gegeben hat, vielleicht zum Tanzen motivieren können. Denn Tanz ist nicht nur eine wirksame Therapie, er steigert auch unser aller Wohlbefinden und wirkt vorbeugend unter anderem gegen Parkinson, Alzheimer, Demenz und Herz-Kreislauferkrankungen.

Literatur
Armstrong, M. J., & Okun, M. S. (2020). Diagnosis and Treatment of Parkinson Disease: A Review. JAMA, 323(6), 548–560. https://doi.org/10.1001/jama.2019.22360
Kouli, A., Torsney, K. M., & Kuan, W.-L. (2018). Parkinson’s Disease: Pathogenesis and Clinical Aspects: Parkinson’s Disease: Etiology, Neuropathology, and Pathogenesis. Brisbane (AU). https://doi.org/10.15586/codonpublications.parkinsonsdisease.2018.ch1
Mattle, H., & Mumenthaler, M. (2013). Neurologie (13. Aufl.). Stuttgart: Georg Thieme Verlag KG.
Stangl, W. (2021). Substantia nigra: Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik. Retrieved from https://lexikon.stangl.eu/25504/substantia-nigra
Toygar, I., & Yıldırım, Y. (2018). Dance Therapy in the Rehabilitation of the Parkinson’s Disease. International Journal of Caring Sciences, 11(3).

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