Musik gegen den Lockdown-Blues

Musik im Lockdown

Zu Beginn dieses Artikels will ich von einer Erfahrung berichten, die mich fasziniert und beeindruckt hat. Einen Tag lang habe ich einen Physiotherapeuten bei seiner Arbeit in Alten- und Pflegeheimen begleitet, wo er auch bettlägerige Menschen behandelt und mobilisiert hat. Besonders gut erinnere ich mich an einen Patienten, der seit Jahren im Wachkoma lag und nicht mehr mit seinem Umfeld interagieren konnte. Der Therapeut spielte ihm während der Behandlung Musik vor und wie der Patient darauf reagierte war erstaunlich. Seine Augen bewegten sich schneller und der ganze Körper und Muskelapparat entspannten sich. Obwohl der Patient augenscheinlich keine Umweltreize mehr bewusst wahrnahm – die Musik drang bis zu ihm vor.

Neben dieser erstaunlichen Wirkung der Musik zeigt sie ihre positive Kraft schon in den kleinen Dingen. Allein unser persönliches Lieblingslied, das gerade im Radio läuft, kann direkt für gute Laune sorgen. Viele Menschen verbinden auch besonders schöne Momente ihres Lebens mit einem bestimmten Song, der sie immer wieder daran erinnert. Auf einem Live-Konzert wiederum fühlt man sich geradezu euphorisch und energiegeladen…

Was steckt hinter der Wirkung der Musik?

Musik wirkt also in vielfältiger Weise auf uns – meist fühlen wir uns besser mit der richtigen Musik. Aber warum ist das so? Um das zu verstehen, müssen wir die physiologischen und biologischen Prozesse unseres Körpers beim Musikhören genauer betrachten.
Die Musik kommt in Schallwellen an unserer Ohrmuschel an. Die Ohrmuschel wirkt dabei wie ein Trichter und leitet das Gehörte weiter bis zum Trommelfell. Dessen Schwingungen nehmen die drei Gehörknöchelchen (Hammer, Amboss und Steigbügel) auf und leiten sie weiter zum Innenohr und zur Hörschnecke, der Cochlea. In der Cochlea wiederum liegt unter anderem das Corti-Organ mit den Haarzellen, den eigentlichen Sinneszellen. Diese wandeln die akustischen Reize in elektrische Nervenimpulse um.
Diese elektrischen Signale werden dann über den Hörnerv bis zum Gehirn weitergeleitet.
Was dann passiert, ist entscheidend für die positiven Gefühle, die Musik in uns Menschen auslösen kann. Die elektrischen Impulse werden nämlich nicht nur im Hörzentrum verarbeitet. Untersuchungen mit Gehirnscans haben gezeigt, dass gerade beim Anhören von fröhlicher Musik eine intensive Kommunikation zwischen Hörzentrum und emotionsverarbeitendem Zentrum im Gehirn stattfindet (Koelsch, 2011). Das heißt, die Wahrnehmung von Liedern, die uns gut gefallen, ist in unserem Gehirn automatisch mit positiven Emotionen verbunden.
Aber überraschenderweise haben sogar traurige Songs einen positiven Effekt auf unsere Gefühle. (Panksepp & Bernatzky, 2002) fanden heraus, dass sowohl fröhliche als auch traurige Musik Ärger und Ängstlichkeit reduziert.
Die vielversprechende Wirkung der Musik geht aber noch weiter. Untersuchungen haben gezeigt, dass Musik – vor, während oder nach Operationen eingesetzt – sogar das Schmerzempfinden der Patient*innen senken kann (Bernatzky, Presch, Anderson, & Panksepp, 2011).

Diese positiven Effekte der Musik lassen sich auch an verschiedenen Biomarkern erkennen. Einerseits aktiviert das Hören von angenehmer Musik das Belohnungssystem im Gehirn und sorgt für die Ausschüttung des Glückhormons Dopamin (Menon & Levitin, 2005). Andererseits sorgt Musik für eine niedrigere Konzentration des Stresshormons Cortisol. Aber auch Herzrate und Blutdruck können durch das Anhören von angenehmer Musik gesenkt werden. Im Gegenzug ist ein erhöhte Herzrate eng mit depressiven Symptomen verbunden und Personen mit Depressionen erleiden im späteren Krankheitsverlauf 1,5-2 Mal häufiger einen Herzinfarkt oder Schlaganfall als gesunde Menschen (Lett et al., 2004).

Musik wirkt sich also auf mehreren Ebenen positiv auf unseren Körper und unsere Emotionen aus. Sie kann Angst, depressive Stimmungen, Stress- und Schmerzempfinden reduzieren und löst im Gegenzug Freude und Entspannung in uns aus. Diese Superpower der Musik liegt in ihrer Wirkung auf unsere Hormone und das Herzkreislaufsystem begründet, aber auch in der engen Verbindung von Hör- und Emotionszentren unseres Gehirns.

Musik ist also besser als Schokolade und jedes Antidepressivum: Sie macht glücklich – und das ganz ohne Nebenwirkungen. Gerade deshalb kann ich ihren Einsatz bei allen Beschwerden uneingeschränkt empfehlen – und sei es nur ein kleines Tief oder wenn einem im Lockdown mal wieder die Decke auf den Kopf fällt.

Wie auch du von der positiven Wirkung der Musik profitieren kannst

Dafür braucht es nicht mehr als dein Handy und deine Headphones. Für einen musikalischen Alltag im Lockdown habe ich dennoch ein paar Tipps:
Baue deine Musik in deinen Tagesablauf ein und lass diese musikalischen Auszeiten so zum Teil deiner Routine werden. Nimm dir dabei Zeit, die Musik ganz bewusst anzuhören. Dabei ist das Genre ganz egal, wichtig ist, dass dir die Musik gefällt.
Lasse dich beispielweise direkt von deinem Lieblingssong wecken und starte so gleich gutgelaunt in den Tag. Aber auch bei Routineaufgaben hat dein Gehirn noch genügend Kapazitäten, um sich aufs Musikhören zu konzentrieren. Haushaltsaufgaben wie der Abwasch, Bügeln oder Kochen erledigen sich mit den richtigen Songs im Handumdrehen.

Und nach dem Lockdown…

Gemeinsames Musizieren in der Gruppe, zum Beispiel das Singen im Chor, hat eine besonders positive Wirkung. Die Forschungsergebnisse des Musikwissenschaftlers Gunter Kreutz (2014) zeigen, dass gemeinsames Singen sowohl das psychische Wohlbefinden des/der Einzelnen als auch die soziale Bindung zur Gruppe steigert. Soziale Kontakte und Bindungen wiederum machen resilient und schützen vor Depressionen und anderen psychischen Krankheiten.
Die beiden Wissenschaftler Lynch und Wilson (2018) fanden außerdem heraus, dass das Singen im Chor einen intensiven Zustand der Achtsamkeit, also der Präsenz im Moment, hervorruft. Wer schonmal eine Achtsamkeitsmeditation gemacht hat weiß, dass das Im-Moment-Sein ein sehr befriedigendes und befreiendes Gefühl sein kann.

Mehr zum Thema Musizieren in der Gruppe gibt es im nächsten Artikel:
Das unterschätze Potenzial von Musik und Tanz in der Therapie

Quellen:
Bernatzky, G., Presch, M., Anderson, M., & Panksepp, J. (2011). Emotional foundations of music as a non-pharmacological pain management tool in modern medicine. Neuroscience and Biobehavioral Reviews, 35(9), 1989–1999. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2011.06.005
Koelsch, S. (2011). Toward a Neural Basis of Music Perception: A Review and Updated Model. Frontiers in Psychology, 2, 110. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2011.00110
Kreutz, G. (2014). Singing and Social Bonding Introduction. Music and Medicine, 6, 51–60.
Lett, H. S., Blumenthal, J. A., Babyak, M. A., Sherwood, A., Strauman, T., Robins, C., & Newman, M. F. (2004). Depression as a risk factor for coronary artery disease: Evidence, mechanisms, and treatment. Psychosomatic Medicine, 66(3), 305–315. https://doi.org/10.1097/01.psy.0000126207.43307.c0
Lynch, J., & Wilson, C. E. (2018). Exploring the impact of choral singing on mindfulness. Psychology of Music, 46(6), 848–861. https://doi.org/10.1177/0305735617729452
Menon, V., & Levitin, D. J. (2005). The rewards of music listening: Response and physiological connectivity of the mesolimbic system. NeuroImage, 28(1), 175–184. https://doi.org/10.1016/j.neuroimage.2005.05.053
Panksepp, J., & Bernatzky, G. (2002). Emotional sounds and the brain: the neuro-affective foundations of musical appreciation. Behavioural Processes, 60(2), 133–155. https://doi.org/10.1016/s0376-6357(02)00080-3

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