Was ist Stress: Das SOS-Konzept (Teil 5)

SOS-Konzept

In den vorhergehenden Artikeln der Stress-Serie haben wir bereits rein biologische und kognitiv-interaktionale Stressmodelle in den Blick genommen. Mit dem SOS-Konzept untersucht der letzte Artikel der Artikelserie nun ein gänzlich anderes Stressmodell: Das SOS-Konzept versteht Stress als Reaktion auf einen Angriff auf das Selbst. (Stress as Offense to the Self) Was das bedeutet und wie es sich auf die Wahrnehmung von sowie den Umgang mit Stress auswirken kann, soll nachfolgend geklärt werden.

Das Selbst als Selbstbild

Zunächst steht die Frage zu klären, worum es sich beim Selbst handeln soll. Der im Alltagsgebrauch nur vage definierte Begriff wird in der SOS-Theorie in einer spezifischen Weise gebraucht: Unter dem Selbst wird die Vorstellung der eigenen Person in ihren zentralen Eigenschaften und ihrem Wert gesehen. Ist in der SOS-Theorie vom Selbst die Rede, bezieht dieser Begriff sich also auf das subjektive Selbstbild.
Die Theorie arbeitet mit der Prämisse, dass das Erreichen und Aufrechterhalten eines positiven Selbstbildes ein Grundbedürfnis des Menschen ist. Demnach strebt jeder Mensch – unabhängig davon, wonach er darüber hinaus strebt und welche Werte er vertritt – danach, ein positives Bild von sich selbst aufzubauen und zu festigen.
Hieraus folgt, dass alle Aktivitäten, die der Erhöhung des Selbstwerts dienen, prinzipiell als angenehm erlebt werden – schließlich befriedigen sie ein menschliches Grundbedürfnis. Tätigkeiten und Erfahrungen, die dem positiven Selbstbild zuwiderlaufen, hingegen entfernen uns ein Stück weit von der Befriedigung unseres Grundbedürfnisses. Wir erleben sie dementsprechend als belastend und unangenehm. An dieser Stelle machen die Theoretiker*innen hinter dem SOS-Konzept den Ursprung des Stressphänomens aus: Stress ist ihrer Auffassung nach die Reaktion auf einen Angriff auf das Selbstbild.

Faktoren, die das Selbstbild formen

Geformt wird das Selbstbild von zweierlei Faktoren: Neben den personalen wirken auch interpersonale bzw. soziale Aspekte an der Formung unseres Selbstbilds mit. Hierin lassen sich daher, wollen wir die Stressentstehung in den Vordergrund rücken, zwei kritische Punkte ausmachen. Unter den personalen Aspekten wird die Kongruenz persönlicher Idealvorstellungen hinsichtlich eigenen Verhaltens und eigener Eigenschaften mit dem faktischen Verhalten und den faktischen Eigenschaften verstanden. Der interpersonal-soziale Aspekt der Selbstbildformung besteht in der Behandlung durch andere.
Sind unsere Idealvorstellungen hinsichtlich unserer Person kongruent mit dem, was wir faktisch sind, wirkt sich das positiv auf unser Selbstbild aus. Stellen wir hier jedoch starke Abweichungen fest, sind wir also nicht, wer wir sein wollen, entsteht Stress: Unser Selbstwert ist angegriffen, unser Selbstbild ist kein positives. Ähnliches lässt sich für soziale Beziehungen feststellen. Erfahren wir hier Anerkennung, Respekt und Wertschätzung, schätzen wir uns positiver ein – unser Selbstwert steigt und unser Selbstbild ist ein positives. Fehlt es hier jedoch an den genannten Qualitäten, entstehen schnell Zweifel am eigenen Wert und den eigenen Qualitäten. Unser Selbstwert sinkt und unser Selbstbild verschlechtert sich.

Stress als Reaktion auf Selbst-Abwertung

Ausgehend von Alltagserfahrungen ist die These des SOS-Konzepts naheliegend: Sinkt unser Selbstwert und verschlechtert sich unser Bild von uns selbst, fühlen wir uns belastet. In der Stress-as-Offense-to-the-Self-Theorie wird dieses Erleben als Stress verstanden. Diese Theorie versteht Stress demnach nicht als neurobiologische Reaktion oder als Reaktion auf die Unmöglichkeit einer Problemlösung mit den vorhandenen Ressourcen, sondern als Effekt einer Abwertung der eigenen Person. Die SOS-Theorie steht damit hinsichtlich ihrer Annahmen bezüglich menschlicher Grundbedürfnisse sowie der Entstehung psychischer Probleme der humanistischen Psychologie nahe, die das Streben nach Selbstverwirklichung als Grundmoment menschlichen Seins begreift und in Faktoren, die die Umsetzung dieses Strebens blockieren, Auslöser für Stress und psychische Erkrankungen ausmacht. Abraham Maslows Theorie menschlicher Bedürfnisse kann hier etwa vergleichend herangezogen werden.

Konkrete Faktoren der Selbst-Abwertung

In welchen konkreten Situationen das Selbst nun abgewertet wird, lässt sich nicht pauschal beantworten. Zu verweisen ist hier vielmehr auf interindividuelle Unterschiede, die sowohl hinsichtlich des Erlebens äußerer Umstände als auch hinsichtlich der Bewertung der eigenen Person bestehen. Dennoch lassen sich einige Grundmuster der Selbst-Aufwertung und -Abwertung ausmachen, die sich aus den Faktoren der Formung des Selbstbilds – Kongruenz von Idealbild und faktischem Sein sowie soziale Anerkennung – ergeben. Verdeutlicht werden soll das nachfolgend in produktiver Entfernung von den Kernaussagen und -methoden der SOS-Theoretiker*innen, die der Erhellung der Hintergründe der Selbst-Abwertung dienen und den engen Rahmen der eigentlich auf den Bereich der Arbeits- und Organisationspsychologie beschränkten Theorie in Fortführung der Kerngedanken und Grundannahmen erweitern soll.
Zu verweisen ist hier etwa darauf, dass jedes Scheitern zu verstehen ist als Faktor, der eine Abwertung der eigenen Person begünstigt. In Momenten des Scheiterns ist das Auseinanderklaffen zwischen Idealvorstellung und Faktizität deutlich zu spüren: Wer wir sind, ist nicht, wer wir sein wollen. Darüber hinaus zeigt sich im Scheitern ein zumindest potentielles Unvermögen, den Zustand des momentanen So-Seins hin auf den des als ideal gesetzten So-Seins zu transzendieren, was die Abwertung der eigenen Person aufgrund mangelnder Verwirklichungskompetenz weiter begünstigt. Der Begriff des Scheiterns muss dabei in weitläufiger Definition und nicht begrenzt auf existentielle Grenzsituationen verstanden werden: Scheitern ist demnach nicht ausschließlich zu verstehen als Scheitern von Grundentwürfen der eigenen Existenz, sondern vielmehr als alltägliches Phänomen, das sich auf jede Form des Entwurfs beziehen kann. Auch das Scheitern daran, eine bestimmte Aufgabe innerhalb eines bestimmten Zeitfensters zu erledigen, ist ein Scheitern. Vorausgesetzt ist dabei, dass das Ziel der Bewegung ein solches ist, welches das Subjekt entweder selbst gewählt oder internalisiert hat – scheitern wir an oktroyierten Zielen, die wir nicht erreichen wollen oder von deren Unerreichbarkeit wir überzeugt sind, erleben wir das Nicht-Erreichen mit weitaus geringerer Wahrscheinlichkeit als persönliche Defizienz.
Daneben sind Abwertungen durch andere Personen, die in unterschiedlichsten Formen vorgebracht werden können, zu verstehen als Faktoren, die zu einer Abwertung der eigenen Person führen. Zurückgeführt werden kann das auf die durch die qua sozialer Abwertung geschaffene Differenz zwischen bisheriger Eigenwertung und aktualer Fremdwertung. Diese Differenz macht, kann sie nicht ausgehalten werden, eine Korrektur einer der beiden Wertungen nötig, wobei die eigene einfacher zu korrigieren ist als die fremde. Vor allem wiederholte Abwertungen stellen darüber hinaus die bisherige Eigenwertung in ihrer Berichtigung massiv infrage.
Die Theoretiker*innen hinter dem SOS-Konzept fokussieren sich in ihren Ausführungen zur sozialen Abwertung vor allem auf arbeits- und organisationspsychologische Fragestellungen und differenzieren zwischen legitimen und illegitimen Tätigkeiten. Hierunter sind Arbeitsaufgaben zu verstehen, die in der Profession der betreffenden Person gemeinhin entweder als angemessen oder als unangemessen bewertet werden. Die Zuteilung illegitimer Tätigkeiten, die der Profession unangemessen sind und keinen relevanten Beitrag zum Unternehmensziel leisten, ist dabei als Form der Abwertung zu verstehen. Abwertungen im Unternehmenskontext machen die SOS-Theoretiker*innen ferner in verschiedenen Formen des Feedbacks aus. Diese Beobachtungen lassen sich problemlos auf jeden anderen Bereich des sozialen Lebens übertragen, da menschliche Interaktion immer mit einer impliziten oder expliziten Bewertung der jeweils anderen Person einhergeht, die sich in unserem Handeln und Sprechen zeigt.

Stress als Folge

Das Entstehen von Stress als Folge eines wie auch immer gearteten Angriffs auf das Selbstbild darf nicht als deterministisch verstanden werden. Nicht jeder Angriff zieht notwendigerweise Stress nach sich. Empirisch lässt sich jedoch gut belegen, dass derartige Angriffe die Wahrscheinlichkeit für Stress ebenso wie für stressbedingte Beschwerden deutlich erhöht. So konnte etwa gezeigt werden, dass Personen, denen häufig illegitime Tätigkeiten anvertraut werden, häufig einen geringen Selbstwert aufweisen, häufiger unter Schlafproblemen leiden, mehr Stress erleben und häufiger an einem Burn-out leiden als Personen, die nur selten illegitime Aufgaben verrichten. (Vgl. Semmer et al., 2013). Dass auch Erfahrungen des Scheiterns, die das SOS-Konzept aufgrund seiner arbeits- und organisationspsychologischen Fokussierung trotz der Benennung von Kongruenz zwischen eigenem Sein und eigenem Seinwollen nicht untersucht, infolge der damit verbundenen Selbstabwertung das Stresslevel erhöhen, erscheint hochgradig plausibel.

Das SOS-Konzept: Eine Würdigung

Das SOS-Konzept unterscheidet sich deutlich von den zuvor vorgestellten Stressmodellen. Mit seiner Fokussierung auf das Selbstbild steht es der humanistischen Psychologie nahe und rückt den Menschen als Wesen, das in einer Beziehung zu anderen und zu sich selbst steht, in den Vordergrund. Mit seiner theoretischen Fokussierung ist es besser als rein biologisch argumentierende Modelle in der Lage, die inter- und intrapersonalen Aspekte der Stressentstehung zu erklären, und vermeidet eine deterministische Sichtweise, die den Menschen als bloßes Objekt biologischer Schemata versteht. Darüber hinaus weist es anders als das interaktionale Stressmodell nach Lazarus darauf hin, dass die Stressentstehung kein festen Regeln folgendes und kein im Sinne eines Lernprozesses notwendig produktives Phänomen darstellt. Gleichwohl sollte darauf verwiesen werden, dass das Lazarus-Modell und das SOS-Modell sich keineswegs ausschließen, sondern als komplementär gedacht werden können – schließlich lässt sich alleine mit dem SOS-Modell nicht erklären, warum strukturell gleiche Situationen bei verschiedenen Personen nicht zwingend zu einem zumindest ähnlichen Stresserleben führen. Hier ist der Verweis auf die individuellen Bewältigungsressourcen, die Lazarus in den Vordergrund rückt, als Ergänzung durchaus erhellend.
Kritisch zu vermerken ist die rein arbeits- und organisationspsychologische Fokussierung des SOS-Konzepts, die eine inhaltlich kaum zu begründende Verengung auf einen bestimmten Teilbereich menschlicher Interaktion und menschlichen Erlebens darstellt. Der im Artikel enthaltene Exkurs zum Phänomen des Scheiterns sowie zu den Folgen sozialer Abwertung hinsichtlich der Selbstbewertung diente dem Entgegenwirken gegen diese Verengung.

Quellen:

Semmer N., Jacobshagen N., Meier L., Elfering A., Kälin W., Tschan F. (2013): „Psychische Beanspruchung durch illegitime Aufgaben“. In: B. Junghanns & G. Morschhäuser M. (Hrsg.): Immer schneller, immer mehr. Wiesbaden. S. 97 – 112.

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