Was ist Stress: Das Stressmodell nach Henry (Teil 3)

Stressmodell nach Henry

Henry knüpft mit seinem Stressmodell grundlegend an die im vorherigen Teil der Artikelserie vorgestellte neurobiologische Stresstheorie an. Der große Verdienst dieses Stressmodells nach Henry liegt darin, dass es nicht nur eine Differenzierung des bisher recht allgemein gehaltenen Modells vornimmt, sondern auch die psychische Komponente des Stressphänomens in seine Betrachtung einbezieht. Wie genau Henrys Stresstheorie aussieht, wie sie sich von der Fight-or-Flight-Theorie abgrenzt und warum sie heute nicht mehr unbedingt aktuell ist, soll im Folgenden geklärt werden.

Stressoren und Stresshormone

Bereits die Fight-or-Flight-Theorie geht von einem relativ simplen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang aus: Auf einen Stressor folgt die Ausschüttung von Stresshormonen, was zum Erleben des Stressphänomens führt. Henry knüpft an diese Beobachtung an, weist jedoch auf einige blinde Flecken der bisherigen neurobiologischen Theorie hin. So stellt er etwa heraus, dass nicht immer die gleichen Stresshormone ausgeschüttet werden und dass nicht jedes Stresserleben identisch ist. Kern der Theorie nach Henry ist folgende Beobachtung: Unterschiedliche Stressoren führen zu unterschiedlichen Hormonausschüttungen, was verschiedene emotionale Zustände hervorruft, die wiederum ein jeweils unterschiedliches Handeln in die Wege leiten.

Der Untersuchung der Stressoren, die im Fight-or-Flight-Modell lediglich als solche erkannt werden mussten, kommt im psychophysiologischen Stressmodell folglich eine deutlich größere Bedeutung zu. Auch die divergierenden Formen des Stressphänomens rücken stärker als bisher in den Vordergrund. Hierin kann die wohl größte Leistung des Modells gesehen werden: Es weist darauf hin, dass Stress nicht gleich Stress ist, sondern in seinen je individuellen Entstehungsbedingungen und Auswirkungen betrachtet werden muss. Gleichwohl bleibt auch die psychophysiologische Stresstheorie – wie der folgende Absatz zeigen wird – noch recht stark schematisiert, was zwar eine Weiterentwicklung gegenüber dem mechanistischen Fight-or-Flight-Modell darstellt, der Individualität des Stresserlebens jedoch noch immer nicht in Gänze gerecht werden kann.

Drei Arten von Stressoren, drei Arten von Stress

Nach Henry existieren drei Arten von Stressreaktionen, die auf drei Arten von Stressoren zurückzuführen sind. An dieser Stelle wird deutlich, dass auch das Modell nach Henry mechanistisch aufgebaut ist: Welches emotionale Erleben eintritt, ist Henry zufolge rein auf die Art des präsentierten Stressors zurückzuführen. Angenommen wird dabei in jedem Falle und äquivalent zur Fight-or-Flight-Theorie, dass das Stressphänomen der Sicherung des Überlebens dient, indem es eine darauf zielende Reaktion auf den jeweiligen Stressor einleitet. Differenziert werden folgende Stressoren und Stressreaktionen:

Stressoren, die Angst auslösen

Ein Stressor löst genau dann Angst aus, wenn eine Flucht die angemessene (d.m.: das Überleben sichernde) Reaktion darstellt. Der Körper schüttet in Folge der Präsentation des Stressors enorme Mengen an Adrenalin aus, was zum Angstgefühl und zur körperlichen Fluchtbereitschaft führt. Das Angstgefühl wiederum wird hier als nützlich verstanden, da es das Einleiten der Flucht wahrscheinlicher macht.

Stressoren, die Ärger auslösen

Ein Stressor löst genau dann Ärger aus, wenn ein Kampf die angemessene Reaktion darstellt. Um den Körper in Kampfbereitschaft zu versetzen und mit dem Ärger einen emotionalen Zustand auszulösen, der die Wahrscheinlichkeit des Kampfeintritts steigert, werden Testosteron und Noradrenalin in großen Mengen freigesetzt.

Stressoren, die Depression auslösen

Interessant ist, dass Henry nicht nur zwischen der Fight- und der Flight-Reaktion unterscheidet, sondern auch eine dritte Kategorie an Stressoren und Stressphänomenen einführt, mit denen er die Depression als Folge von Stress zu erklären versucht. Henry zufolge tritt eine Depression auf, wenn weder Kampf noch Flucht einem präsentierten Stressor gegenüber die angemessene Reaktion darstellen. Hier steht gewissermaßen kein sinnvolles biologisches Programm zur Verfügung – der Stressor ist dennoch gegeben und das Individuum muss auf irgendeine Weise auf ihn reagieren. In der Folge schüttet der Körper verstärkt Cortisol aus und lässt den Testosteronspiegel sinken. Antrieb und Handlungsfähigkeit nehmen ab, die Stimmungslage des Individuums verändert sich hin zu einem Zustand, in dem es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit zurückzieht und unterordnet. Es erlebt einen Kontrollverlust.

Kritik und Würdigung: Das Stressmodell nach Henry

Wie bereits erwähnt ist das Stressmodell nach Henry dem Fight-or-Flight-Modell insofern überlegen, als es eine deutlich differenziertere Sicht auf Stressoren und das Stresserleben an den Tag legt. Damit lässt es sich als Entwicklungsschritt hin zu einer umfassenderen, weniger eindimensionalen Stressforschung verstehen. Auch die Tatsache, dass erstmals emotionale Zustände in die Überlegungen zum Entstehen von Stress einbezogen wurden, stellt in dieser Hinsicht eine Weiterentwicklung dar.

Zu verweisen ist jedoch auch darauf, dass Henry nach wie vor eine mechanistisch-biologistische Stresstheorie vertritt, die nicht-biologische Faktoren ebenso außer Acht lässt wie interindividuelle Unterschiede im Stresserleben und in der Stressbewältigung. Aus heutiger Perspektive ist es damit noch immer massiv reduktionistisch – was sich auch in der sehr simplen Erklärung der Entstehung einer Depression zeigt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.