Chomskys Theorie der Universalgrammatik

Chomskys Theorie der Universalgrammatik

Mit seiner Theorie der Universalgrammatik wurde Noam Chomsky zu einer zentralen Figur der modernen Linguistik. Die Grundannahme der Universalgrammatik ist dabei denkbar einfach: Chomsky geht davon aus, dass Menschen die fundamentalen Grundlagen der Grammatik angeboren sind – unser Gehirn ist sozusagen mit einem bestimmten Schema zur Grammatikbildung ausgestattet. Darüber hinaus soll durch diese angeborene Universalgrammatik der Mensch überhaupt erst zum Spracherwerb fähig sein. Lange wurde Chomskys Theorie kaum ernsthaft in Zweifel gezogen, doch seit einiger Zeit machen neue Theorien dem Ansatz der Universalgrammatik Konkurrenz – und sind dabei sehr überzeugend.
Nach Chomskys Hypothese der Universalgrammatik, haben menschliche Sprachen einige grundlegende Gemeinsamkeiten, die auf angeborene, der Sprache eigene Prinzipien zurückzuführen sind. In letzter Konsequenz würde dies bedeuten, dass es im Grunde genommen nur eine menschliche Sprache gibt, die in verschiedenen Ausprägungen existiert. Mit dieser gewagten These stieß der Ansatz bereits in seinen Anfängen rasch an seine Grenzen.

Die Geschichte der Universalgrammatik

Die Theorie der Universalgrammatik hat sich seit ihren Anfängen erheblich weiterentwickelt. Sie basiert auf der Idee, dass bestimmte Aspekte der syntaktischen Struktur universell sind. Die angenommene Universalgrammatik besteht dabei aus einer Reihe von grammatischen Kategorien und Relationen, die die Bausteine der jeweiligen Grammatiken aller menschlichen Sprachen sind. Durch diese Kategorien und Relationen werden syntaktische Strukturen sowie Einschränkungen dieser Strukturen definiert.
Die Annahme der Existenz einer solchen universellen Grammatik bedeutet damit die Auffassung, dass alle Sprachen dieselbe Menge an Kategorien und Relationen besitzen und dass die Sprecher*innen nahezu unendlich viele endliche Mittel einsetzen, um durch Sprache zu kommunizieren – eine Idee, die Wilhelm von Humboldt übrigens schon in den 1830er-Jahren publik machte. Demnach muss die Universalgrammatik ein endliches System von Regeln enthalten, das es in der Anwendung ermöglicht, unendlich viele Tiefen- (semantischer Gehalt und syntaktische Struktur des Satzes) und Oberflächenstrukturen (Erscheinungsform des Satzes) zu erzeugen, die in bestimmter Weise miteinander in Beziehung stehen. Sie muss Regeln enthalten, die diese abstrakten Strukturen auf bestimmte Repräsentationen von Klang und Bedeutung beziehen. Oder anders formuliert: Die Universalgrammatik muss eine Art relativ simples Regelwerk darstellen, mit dem sich die unterschiedlichen Sprachen mit ihren jeweils unzählbaren Ausdrucksmöglichkeiten schaffen lassen.

Die Theorie der Universalgrammatik musste immer wieder angepasst werden

In den 1960er-Jahren wurde die Universalgrammatik anhand von Analysen der Struktur europäischer Standardsprachen – Standard Average European – formuliert. Man ging von Satzpartikeln wie Nominalphrasen oder Verbalphrasen aus. Doch schon bald tauchten sprachwissenschaftliche Befunde auf, die nicht in das entworfene Schema passten. Denn in anderen als den europäischen Standardsprachen fanden sich grammatische Elemente, die über ganze Sätze verstreut waren – so beispielsweise in manchen australischen Sprachen. Es gab keine Trennung von Nominal- und Verbalphrasen und in einigen Sätzen waren gar keine Verbalphrasen zu entdecken.
So musste der Entwurf der Ausformulierung der angenommenen Universalgrammatik schon relativ kurz nach seinen ersten Ansätzen revidiert werden. Während der 1980er-Jahre bildete sich eine neue Prinzipien-und-Parameter-Theorie heraus. Nach dieser sollte es nicht mehr nur eine einzige universelle Grammatik für alle Sprachen geben, sondern mehrere universell gültige Strukturprinzipien. Diese sollten sich in unterschiedlichen Sprachen auf verschiedene Arten ausbilden.
Und im Jahr 2002 verfasste Chomsky gemeinsam mit anderen Linguist*innen einen Artikel, in dem er eine erneut stark überarbeite Form der Universalgrammatik vorstellte. Nach dieser revidierten Theorie weist die Universalgrammatik nur noch ein einziges Merkmal auf – die Rekursion. Diese soll nun nach der neuesten Auslegung der Universalgrammatik der Grundstein jeder Sprache sein, die auf dieser Welt gesprochen wird. Die Rekursion ermöglicht den Sprecher*innen, sparsam mit ihren Worten umzugehen und ihre Ansichten auszudrücken, indem sie viele sinnvolle Phrasen in einen einzigen Satz einbetten. Die Phrasen können dabei aufeinander folgen oder miteinander verschachtelt werden. Nach Chomsky soll die Rekursionsfähigkeit die Sprache sogar von anderen Denktypen wie beispielsweise der Kategorisierung unterscheiden.

Argumente, die für die Theorie der Universalgrammatik sprechen

Im Laufe der Jahre wurde eine Reihe von Argumenten zur Unterstützung der Hypothese der Universalgrammatik vorgebracht. Dazu gehören die folgenden:

1. Sprachliche Universalien: Menschliche Sprachen haben bestimmte Eigenschaften gemeinsam.
2. Konvergenz: Kinder sind unterschiedlichen Einflüssen ausgesetzt. Doch sie bilden alle eine übereinstimmende Grammatik aus.
3. Stimulusarmut: Kinder erwerben Wissen, für das es im Input keine Evidenz gibt.
4. Fehlende Evidenz: Kinder wissen, welche Strukturen ungrammatisch sind und erwerben keine übergeneralen Grammatiken. Und das, obwohl sie keiner negativen Evidenz ausgesetzt werden.

Es gibt noch weitere Argumente, die immer wieder angeführt werden, wenn es um die Verteidigung der Universalgrammatik geht. Allerdings sind die oben aufgeführten Argumente die wichtigsten. Die übrigen Argumente stützen eher die Vorstellung einer angeborenen Sprache bzw. Sprechfähigkeit im Allgemeinen und weniger die eines bestimmten Aspekts der sprachlichen Organisation. Das macht sie auch für andere Interpretationen nutzbar.

Kritik an der Universalgrammatik

Liegt dem Spracherwerb wirklich eine mentale Vorlage in unserem Gehirn zugrunde, mit deren Hilfe wir Grammatik erlernen? Kritik an dieser Idee wurde mit den Jahren vermehrt laut. Linguist*innen und Kognitionswissenschaftler*innen bezweifeln die Theorie der Universalgrammatik und werfen neue Thesen in den Ring, die vor allem auf aktuelleren Untersuchungen unterschiedlicher Sprachen und der Kommunikation von Kleinkindern basieren.

Halperns Empty-Mind-Theorie

Ein relevanter Kritikpunkt der Universalgrammatik findet seinen Ursprung in der Frage, warum Menschen im Säuglings- bzw. Kleinkindalter über enorme Sprachlernfähigkeiten verfügen, um sie dann in späteren Jahren zu verlieren. Kinder sind vor allem in der sogenannten kritischen Periode in der Lage, jede Sprache zu lernen. Erwachsene finden jedoch nicht so leicht Zugang zu für sie neuen Sprachen.
In Folge dieser Beobachtung führt Mark Halpern eine Theorie ins Feld, die im Prinzip das genaue Gegenteil der Universalgrammatiktheorie darstellt. Die Universalgrammatik geht davon aus, dass Sprache in unseren Gehirnen sozusagen vorangelegt ist. Halpern behauptet hingegen, dass der menschliche Verstand zum Zeitpunkt der Geburt sprachlich gesehen vollkommen leer ist oder anders ausgedrückt, dass menschliche Säuglinge bei ihrer Geburt noch keinerlei Strukturen in ihren Gehirnen ausgebildet haben, die die Sprache betreffen. Dies bedeutet, dass Säuglinge und Kleinkinder jedes neue Wort als einzigartig und jede Struktur als eigenständig akzeptieren und diese schließlich in ihrem Gehirn speichern. Auf diese Weise kann Sprache auch den menschlichen Geist formen und gestalten.
Halperns Annahmen bedeuten, dass Menschen nicht versuchen, ein Grammatiksystem in ihrem Kopf zu schaffen, sondern jedes neue Wort, jede neue Regel hinnehmen und akzeptieren, sei sie nun regelmäßig oder unregelmäßig. Das Einprägen von Wörtern, die wir im Gedächtnis behalten, ermöglicht es dann, Verbindungen zwischen den einzelnen Wörtern herzustellen. Wir finden Ähnlichkeiten zwischen einzelnen Wörtern und Strukturen und merken uns darüber hinaus Umstände und Kontexte, in denen sie verwendet wurden. Auf diese Weise werden einfache Analogien möglich. So gehen wir dann beispielsweise davon aus, dass phonologisch ähnliche Wörter auch auf die gleiche Weise in den Plural überführt werden. Dies würde auch grammatikalische Fehler erklären, die im Laufe des Spracherwerbs auftreten.
Dabei betont Halpern, dass seine Theorie zwar auf der Annahme eines mehr oder weniger leeren und vor allem ungeformten Geistes basiert, dieser Geist aber offen für Input ist. Zudem ist wichtig zu erwähnen, dass auch Halpern anerkennt, dass es ein zugrundeliegendes mentales System geben muss. Im Unterschied zu Chomsky geht Halpern jedoch davon aus, dass dieses System nicht allein auf Sprache ausgerichtet ist, sondern vielmehr als grundlegendes kognitives System zu verstehen ist.

Die gebrauchsbasierte Linguistik

Von Letzterem geht die sogenannte gebrauchsbasierte Linguistik ebenfalls aus. Und der Linguist Paul Ibbotson und der Verhaltensforscher Michael Tomasello meinen zu wissen, dass die dem Spracherwerb zugrundeliegende allgemeine kognitive Fähigkeit die speziell dem Menschen eigene Fähigkeit zur geteilten Intentionalität ist.
Ibbotson und Tomasello auf der einen und Chomsky auf der anderen Seite repräsentieren damit die beiden Seiten der Debatte über den menschlichen Spracherwerb: Ist Sprache Teil unserer genetischen Veranlagung oder lernen wir sie durch Beobachtungen als Kinder von den Sprecher*innen um uns herum? Chomskys Theorie zum Spracherwerb wird danei auch als mentalistische Theorie bezeichnet, Ibbotsons und Tomasellos als funktionalistische oder sozial-konstruktivistische Theorie.
Ibbotson und Tomasello konzentrieren sich auf die „Bedeutung im Gebrauch“ und sehen in der sozialen Interaktion, die Menschen als Kinder haben, den Hauptfaktor für den Spracherwerb. Ihre Theorie ist damit gebrauchsbasiert: Kinder lernen sprechen, indem sie die Erwachsenen um sie herum beobachten und ihnen zuhören. Dabei kommen dem Erkennen von Intentionen in einer gemeinsamen Interaktion und der Musterfindung eine besondere Bedeutung zu. Beim Intentionslesen versuchen Kinder, die Absichten des*r Sprecher*in zu lesen, damit sie sich in begrenztem Umfang verständigen können, auch wenn sie selbst nicht sprechen können. Das Finden von Mustern wird von Tomasello beschrieben als das, was Kinder tun müssen, um produktiv über einzelne Äußerungen hinauszugehen, die sie von Menschen in ihrer Umgebung hören, um sprachliche Schemata zu erstellen.

Fazit: Gibt es eine Universalgrammatik?

Noch wissen wir nicht, wie Kinder Sprache erwerben. Denkbar ist beispielsweise auch, dass eine Mischung aus der Theorie der Universalgrammatik nach Chomsky und der Theorie nach Ibbotson und Tomasellos letztendlich den menschlichen Spracherwerb erklären wird. Problematisch an Chomskys Theorie ist und bleibt zunächst, dass es kaum empirische Belege gibt. Hier hat die Theorie Ibbotsons und Tomasellos den Vorteil, dass sie sich am realen Sprachgebrauch orientiert.

Quellen:
Ibbotson, Paul (2016): „Language in a New Key”. In: Scientific American. October 2016. DOI: 10.1038/scientificamerican1116-70 Online verfügbar unter: https://www.researchgate.net/publication/311450032_Language_in_a_New_Key/link/5b18f59aaca272021ceeab3d/download [20.10.2021]
Ibbotson, Paul; Tomasello, Michael (2017): „Kritik an der Universalgrammatik von Chomsky. Ein neues Bild der Sprache“. In: Spektrum. Online verfügbar unter: https://www.spektrum.de/news/kritik-an-der-universalgrammatik-von-chomsky/1439388 [20.10.2021]
Gray, E. (2020): „Why do adults still make grammatical mistakes”. In: Linguistics Online. Online verfügbar unter: https://www.linguisticsonline.net/post/why-do-adults-still-make-grammatical-mistakes [20.10.2021]
Halpern, Mark: „How Children Learn Their Mothertongue. They Don’t”. In: Journal of Psycholinguistic Research. 45, Seiten 1173–1181 (2016). Online verfügbar unter: https://link.springer.com/article/10.1007%2Fs10936-015-9378-y [20.10.2021]

Bildquelle: Andrew Rusk from Toronto, Canada, Noam Chomsky Toronto 2011, CC BY 2.0

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