Parentifizierung – zu früh erwachsen

Parentifizierung

Übernehmen Kinder und Jugendliche unfreiwillig die Aufgaben und Verantwortlichkeiten von Erwachsenen, indem sie in die Rollen ihrer Eltern schlüpfen, spricht man von Parentifizierung (auch: Parentifikation). Dieses vorzeitige Erwachsenwerden kann negative Auswirkungen auf die Kindheit und auf die weitere Entwicklung haben. Parentifizierte Kinder können unter Depressionen, Angstzuständen oder anderen psychischen oder physischen Problemen leiden. Im Folgenden beleuchten wir das Phänomen der Parentifizierung und ihre potenziellen Folgen auf die emotionale, mentale und soziale Entwicklung von Kindern sowie mögliche Wege der therapeutischen Behandlung und Unterstützung für betroffene Familien.

Parentifizierung: Definition

In der Regel sind Eltern-Kind-Beziehungen dadurch geprägt, dass die Eltern die Aufgabe der Fürsorgenden übernehmen, sich um die Kinder kümmern, ihnen Liebe geben und dafür sorgen, dass alle Grundbedürfnisse gestillt sind, damit die Kinder sich auf das Spielen, Lernen und Sammeln von Erfahrungen konzentrieren können. Nach und nach werden die Kinder selbstständig. Und wenn die Kinder erwachsen und die Eltern im höheren Alter auf Hilfe angewiesen sind, können sich die Rollen umkehren.
Doch nicht alle Eltern haben die Stabilität und die Ressourcen, um diese Art von Eltern zu sein. Es kann vorkommen, dass die Eltern-Kind-Rollen schon in der frühen Kindheit oder Jugend verkehrt werden und die Eltern sich übermäßig auf ihre jungen Kinder verlassen. Sie vermitteln ihren Kindern – bewusst oder unbewusst –, dass sie sich auf unbestimmte Zeit um sie kümmern müssen, ohne eine ausreichende Gegenleistung zu geben. In diesen Fällen spricht man von Parentifizierung.
Das Phänomen der Parentifizierung hat selten etwas mit mangelnder elterlicher Liebe zu tun. Vielmehr sind es persönliche oder strukturelle Umstände, die Eltern daran hindern, dem Kind die Belastungen und Ängste zu nehmen, die es für sie durchlebt. Häufig erkennen die Eltern nicht einmal, dass ihr Kind die Verantwortung für die Aufrechterhaltung des Familienfriedens, für den Schutz eines Elternteils, für die Erziehung der Geschwister oder die Rolle eines*r Partner*in oder Freund*in übernimmt. Doch die Parentifizierung eines Kindes kann auf Kosten seiner psychischen Stabilität und Entwicklung gehen.

Das Verhalten parentifizierter Kinder

Die Parentifizierung kann unterschiedliche Gründe haben. Zu den offensichtlichen Gründen gehören:

  • Psychische oder somatische Erkrankung der Eltern
  • Elterlicher Drogenkonsum
  • Das Fehlen einer angemessenen Unterstützung der Eltern durch weitere Erwachsene

Die Gründe für eine Parentifizierung können auch subtilerer Natur sein. Ein Beispiel ist die Parentifizierung von Kindern narzisstischer Eltern. Die Kinder narzisstischer Eltern haben häufig das Gefühl, perfekt sein zu müssen, um den Erfolg der elterlichen Erziehung abzubilden und auf diese Weise das zerbrechliche Ego der Eltern nicht zu beschädigen. Damit übernimmt das Kind die Verantwortung für die psychische Integrität der narzisstischen Eltern bzw. des narzisstischen Elternteils – eigentlich eine Aufgabe der Erwachsenen. Eine weitere subtile Form der Parentifizierung schleicht sich häufig bei Kindern von Eltern mit komplexen Beziehungsdynamiken ein. Eltern, die abhängige Züge aufweisen, suggerieren beispielsweise ihren Kindern Hilflosigkeit. Eigene Probleme werden so unterschwellig auf das Kind projiziert, sodass dieses sich verantwortlich fühlt.

Formen der Parentifizierung

Grundsätzlich lassen sich verschiedene Formen der Parentifizierung unterscheiden, die an ihrer Qualität festgemacht werden.

    • Instrumentelle Parentifizierung vs. emotionale Elternbildung: Bei der instrumentellen Parentifizierung übernimmt das Kind bestimmte praktische Aufgaben. Bei der emotionalen Elternbildung bietet das Kind den Eltern bzw. einem Elternteil emotionale Unterstützung.
    • Elternzentrierte Parentifizierung vs. geschwisterzentrierte Parentifizierung: Das Kind übernimmt bei der elternzentrierten Parentifizierung Verantwortung für die Eltern. Bei der geschwisterzentrierten Parentifizierung übernimmt es die Verantwortung für die Geschwister, weil die Eltern dies nicht hinreichend tun.
    • Adaptive Parentifizierung vs. destruktive Parentifizierung: Das Kind übernimmt aus einer Not heraus für einen kurzen und begrenzten Zeitraum die Verantwortung (adaptive Parentifizierung) oder die intergenerationalen Grenzen werden langfristig verletzt (destruktive Parentifizierung).

Der Begriff des ‚parental child‘ tauchte das erste Mal Ende der 1960er-Jahre im Zusammenhang von Untersuchungen der Familienstruktur in Innenstädten durch eine Gruppe US-amerikanischer Psycholog*innen auf. Man beobachtete, dass aufgrund der hohen Zahl alleinerziehender Mütter, der Armut und der Drogenprobleme viele Kinder die Aufgabe übernahmen, die Familie zusammenzuhalten. 1967 wurde der Begriff der Parentifizierung von dem Familiensystemtheoretiker Salvador Minuchin eingeführt. Minuchin beschrieb, wie Kinder parentifiziert werden, wenn Eltern Erziehungsaufgaben an sie delegieren. Der Psychologe Ivan Boszormenyi-Nagy führte das Phänomen weiter aus. Er hielt fest, dass das unausgewogene Verhältnis von Geben und Nehmen zwischen Eltern und Kindern zu schwerwiegenden Problemen der Kinder führen kann.

Folgen der Parentifizierung

Rechtlich gilt die Parentifikation als Unterform des emotionalen Missbrauchs. Damit ist sie relevant für die Rechtsprechung in Bezug auf das Kindeswohl und wird beispielsweise in Sorgerechtsverfahren thematisiert. In der Psychologie sprechen viele Expert*innen von Parentifizierung als Form der kindlichen Traumatisierung. Andere Wissenschaftler*innen weisen darauf hin, dass es einen geringen, aber keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Parentifizierung und einem Risiko für psychische Erkrankungen gibt. Zudem gibt es Studien, die zeigen, dass eine Parentifizierung auch positive Folgen wie eine größere Resilienz nach sich ziehen kann. Grundsätzlich lässt sich das pathologische Ausmaß der Parentifizierung bislang nicht eindeutig abschätzen. Darüber hinaus können die Folgen der Parentifizierung unterschiedlicher Natur sein. Am deutlichsten zeigt sich der Zusammenhang von Parentifizierung und Essstörungen. Auch Ängstlichkeit und Angststörungen werden oft mit ihr in Zusammenhang gebracht. Am wenigsten eindeutig ist hingegen der Zusammenhang mit der Depression zu erkennen. Die konkreten Folgeerscheinungen können abhängig vom Ausmaß der Parentifikation unterschiedlich stark ausgeprägt sein.

Mögliche Anzeichen der Parentifizierung im Kindesalter

Die Auswirkungen der Parentifizierung können sich bereits im Kindesalter bemerkbar machen und – wie oben beschrieben – ein breites Spektrum psychischer Probleme zur Folge haben. Ein Merkmal parentifizierter Kinder kann Ängstlichkeit bis hin zur Angststörung sein. Parentifizierte Kinder sind mit Schwierigkeiten konfrontiert, die für ihr Entwicklungsniveau zu komplex sind. Dies kann das Gefühl bedingen, dass die Welt schwierig und gefährlich ist. Wer mit einem solchen Gefühl alleingelassen wird, kann sich isoliert und hilflos fühlen.
Parentifizierten Kindern kann es schwerfallen, Vertrauen aufzubauen. Auch Probleme mit der Regulation von Gefühlen können auftreten. Es kann zu psychosomatischen Reaktionen, zu einem psychosozialen Rückzug, Schulversagen oder auch zur Selbstüberhöhung durch die Identifikation in der Rolle des Partnerersatzes kommen. Weitere Folgen können Depressionen, Essstörungen oder Suchterkrankungen sein. Hier lässt sich auch ein Bezug zur Bindungstheorie nach Ainsworth und Bowlby herstellen: Die Parentifikation führt dazu, dass keine sichere Bindung aufgebaut werden kann, was meist negative Konsequenzen für die weitere psychosoziale Entwicklung nach sich zieht.

Folgen der Parentifizierung im Erwachsenenalter

Auch im Erwachsenenalter können die Betroffenen noch mit einer Reihe von Schwierigkeiten konfrontiert sein. Erwachsene, die in ihrer Kindheit eine Parentifizierung erlebten, können Probleme beim Aufbau und Erhalt von Beziehungen haben. Sie leiden weiterhin an den verstrickten Rollen in der Ursprungsfamilie und es kann ihnen schwerfallen, anderen Menschen ihre Grenzen aufzuzeigen. Auch das Bedürfnis, es allen recht machen zu wollen, kann in einer Parentifizierung im Kindesalter seinen Ursprung haben. Zudem können das Wissen und die Erfahrung fehlen, wie die eigenen Bedürfnisse auf eine gesunde Weise zufriedengestellt werden. Darüber hinaus können verpasste Meilensteine in der Entwicklung ihre Auswirkungen zeigen. In diesem Zusammenhang ist vor allem eine fehlende Autonomieentwicklung durch die Fixierung auf einen Elternteil zu erwähnen. Weitere Folgeerscheinungen können von Perfektionismus und Ängstlichkeit bis hin zu ernsten psychischen Erkrankungen wie generalisierten Ängsten, sozialen Ängsten oder Depressionen reichen.

Therapie

Eine Therapie parentifizierter Kinder – sei es noch im Kindes- oder Jugend- oder erst im Erwachsenenalter – richtet sich nicht zuletzt an den genauen Folgeerscheinungen aus. Grundsätzlich wird meist ein psychodynamischer Ansatz empfohlen, da es sich bei der Parentifizierung um einen psychodynamischen Prozess handelt. Zudem soll ein tiefenpsychologisch orientierter Ansatz die Möglichkeit eines „Deparentisierungsprozesses“ bieten. Auch systemische Ansätze bieten sich an, schließlich ist das Problem eines, das aus dem Familiensystem hervorgeht.

Relativ neu ist ein therapieschulenübergreifender Ansatz, wie eine Schematherapie mit verhaltenstherapeutisch basierten und tiefenpsychologisch fundierten Verfahren. Wichtig ist meist, dass der*die Therapeut*in dem*der Patient*in Wertschätzung für sein*ihr Handeln entgegenbringt, denn dieses wurde von den meisten parentifizierten Kindern nicht erlebt. Zudem geht es oftmals zunächst darum, dass der*die Patient*in lernt, die eigenen Bedürfnisse und Gefühle wahrzunehmen, Grenzen zu setzen und Verantwortung abzugeben.

Wird die Parentifizierung bereits in der Kindheit erkannt, ist adäquate Hilfe für die betroffenen Kinder sowie für ihr familiäres Umfeld wichtig. Professionelle Unterstützung durch (Familien-)Therapie, Beratung und das Vermitteln von Bewältigungsstrategien gehen Hand in Hand. Darüber hinaus ist praktische Hilfe und Unterstützung für die Eltern bei der Bewältigung des Alltags gefragt – beispielsweise durch Familienbetreuer*innen oder durch die Erziehungshilfe. Auch eine Unterstützung im Bildungsumfeld – sprich von Seiten der Schule – ist hilfreich. In einigen Fällen kann ein erster Schritt auch darin bestehen, das Kind (vorübergehend) aus seinem familiären Umfeld zu nehmen.

Quellen:
Hausser, Agnieszka Aleksandra: Die Parentifizierung von Kindern bei. Psychisch kranken und psychisch gesunden Eltern und die psychische Gesundheit der parentifizierten Kinder. Dissertation zur Erlangung des Grades eines Doktors der Medizin. Hamburg, 2012. https://d-nb.info/1045024201/34
Hooper L, DeCoster J, White N, Voltz M: Characterizing the magnitude of the relation between self-reported childhood parentification and adult psychopathology. Journal of Clinical Psychology 2011; 67(10): 1028–43.
Wichmann, Celina: Parentifizierung, Autonomie und zwischenmenschliche Beziehungen. Die mediierende Rolle der Differenzierung des Selbst. Masterarbeit zur Erlangung des akademischen Grades Master of Science. Universität Klagenfurt, 2022. https://netlibrary.aau.at/obvuklhs/download/pdf/8504846?originalFilename=true
https://www.theguardian.com/lifeandstyle/2022/sep/20/parentified-child-behave-like-adult (Zugriff am 01.12.2023)
https://www.psychologytoday.com/intl/blog/of-prisons-and-pathos/202107/the-parentified-child-in-adulthood (Zugriff am 01.12.2023)
https://www.tc.columbia.edu/media/centers-amp-labs/gsjp/gsjp-volume-pdfs/25227_Engelhardt_Parentification.pdf (Zugriff am 01.12.2023)
https://www.aerzteblatt.de/archiv/121943/Parentifizierung-Nicht-ueberbewerten (Zugriff am 01.12.2023)