Was ist Hochsensibilität?

Was ist Hochsensibilität?

Hochsensibilität ist ein relativ neuer Forschungsgegenstand in der Psychologie. Ab Anfang der 90er-Jahre prägte die amerikanische Psychologin Elaine Aron den Begriff der Hochsensibilität, im englischsprachigen Raum wird von Sensory Processing Sensibility gesprochen, was so viel bedeutet wie Sensitivität bei der Verarbeitung von Sinneswahrnehmungen. Zusammen mit ihrem Ehemann führte sie zahlreiche Forschungen zu diesem Thema durch. Eine Vielzahl weiterer Wissenschaftler*innen widmet sich seither der Hochsensibilität – doch dabei trifft das Konzept auch auf Kritik.

Elaine Arons Konzept

Aron (2019) beschreibt die Hochsensitivität wie folgt: „Es kommt bei ungefähr 15–20 Prozent der Bevölkerung vor. Dies bedeutet, dass Sie Feinheiten in Ihrer Umgebung eher wahrnehmen – ein großer Vorteil in manchen Situationen. Dies bedeutet allerdings auch, dass Sie sich viel leichter überfordert fühlen, wenn Sie über einen zu langen Zeitraum starken Reizen ausgesetzt sind, von Geräuschen und visuellen Eindrücken bombardiert werden, bis Ihnen Ihr Nervensystem Erschöpfung signalisiert.“
Aron (1997) betont dabei in ihren Forschungen und Büchern immer wieder, dass es sich bei der Hochsensibilität nicht um eine Krankheit, sondern um eine Persönlichkeitsdisposition handele.

Hochsensibilität und Stress

Wie bereits erwähnt, wird in der Literatur davon ausgegangen, dass etwa 20% der Weltbevölkerung hochsensibel sind und 80% normalsensibel. Verbildlicht wird das gerne mit der Orchideen-Löwenzahn-Metapher: Der Löwenzahn stellt hierbei die 80% der weniger sensiblen Menschen dar, während die Orchideen die hochsensiblen Personen repräsentieren, welche empfänglicher für Umweltreize sind und sich stark von der Stimmung in ihrer Umwelt sowie ihrem sozialen Umfeld beeinflussen lassen (Boyce & Ellis, 2005). Impliziert ist, dass die normalsensiblen Menschen auch unter schwierigen Umständen aufblühen können, während Orchideen-Personen unter positiven Umständen zwar aufblühen, unter negativen Umweltbedingungen hingegen verkümmern.
Studien legen tatsächlich nahe, dass hochsensible Personen weniger stressresistent sind und intensiver auf interne und externe Stimuli reagieren. In der Folge kommt es nicht selten zur Vermeidung bestimmter Situationen und zu einer erhöhten Isolationsbereitschaft (Konrad, 2016). Diese Ergebnisse decken sich mit den Forschungen von Blach (2014), die konstatiert, dass Personen mit der Persönlichkeitsdisposition der Hochsensibilität eher unter „chronischen Stressreaktionen leiden“, was sich auf ihre Gesundheit auswirkt.
Laut Aron geht die Hochsensibilität auf eine „grundsätzlich höhere Aufnahmebereitschaft des neuronalen Systems zurück“ (vgl. Ritter, 2007), ist also eine physiologische Disposition. Interessant ist, dass die Studien zur Hochsensibilität von Aron zu den Resultaten eines Experiments von Pawlow (1927) passen. In dieser Studie setzte er die Teilnehmer*innen großem Lärm aus und erforschte, ab welchen Lärmlevel es zu Stressreaktionen kommt. Pawlow explorierte, dass ca. 15-20% der Proband*innen um einiges schneller ihre Belastungsgrenze erreichten. Freilich sprach er damals nicht von Hochsensibilität, sondern von einem „besonderen Menschenschlag“. Weiters fand Pawlow es erstaunlich, wie schnell sich manche Menschen im Falle einer Überstimulation vollkommen verschließen und nannte diesen Zustand „transmarginale Stimulation“ (Pawlow, G. 2015).

Hochsensibilität und Hirnforschung

Forschungen haben gezeigt, dass als hochsensible geltende Personen sehr stark von Stimmungen anderer Menschen beeinflusst werden. Jedoch gibt es nur sehr wenige Studien, welche die neuronalen Strukturen untersucht haben, die bei hochsensiblen Menschen aktiv sind.
Das Ehepaar Aron führte im Jahr 2011 gemeinsam mit chinesischen Wissenschaftler*innen eine Studie an 16 chinesischen Studierenden durch, in welcher sie erstmalig nachwiesen, dass es Besonderheiten im Gehirn Hochsensibler gibt. Bei dieser Studie wurden sechzehn Studierenden Landschaftsbilder gezeigt, welche leicht oder deutlich abgeändert waren. Die Teilnehmer*innen sollten die Unterschiede in den Bildern erkennen. Die Hirnaktivität der Studierenden wurde dabei mittels funktioneller Magnetresonanztomografie dokumentiert. Die Ergebnisse zeigten, dass bei Studierenden, welche nach Aron als hochsensibel einzustufen sind, Hirnareale aktiv sind, die sie stärker auf Details achten lassen. Ein weiterer interessanter Aspekt bestand darin, dass die hochsensiblen Proband*innen mehr Zeit für die Reizverarbeitung benötigten(o.V., 2013).
Eine weitere Studie aus dem Jahr 2014 (Acevedo et al.) untersuchte die Hinreaktionen als hochsensibel eingestufter Personen bei der Verarbeitung emotionaler und sozialer Reize. Mittels fMRT wurde die Gehirnaktivität der Proband*innen im Rahmen der Reaktion auf positive sowie negative Gesichtsausdrücke ihrer Lebenspartner*innen und von Fremden in zwei Studien gemessen. Die Ergebnisse zeigten eine Aktivierung derjenigen Hirnregionen, welche für die Bewusstseins-, Aufmerksamkeits- und Aktionsplanung verantwortlich sind. Weitere neuronale Aktivierungen wurden in denjenigen Hirnregionen gefunden, welche an der Integration von sensorischen Emotionen, emotionaler Bedeutung und Empathie beteiligt sind. Bemerkenswerte Ergebnisse wurden in Regionen gefunden, die für das Spiegelneuronensystem, das Selbstbewusstsein und eine höhere kognitive Verarbeitung stehen. Die Ergebnisse dieser Studie weisen darauf hin, dass das hochsensible Gehirn mehr auf die Bedürfnisse anderer reagiert.
Eine Studie von Pleuss (2015), welche an der Queen Mary University in London durchgeführt wurde, deutet darauf hin, dass die erhöhte Sensibilität gegenüber Umweltreizen genetische Ursachen haben könnte. In dieser großen Studie, in der Daten von 13.0000 Proband*innen vorlagen, identifizierte Pleuss neun Genvarianten. Im Mittelpunkt stehen hier die Hirnbotenstoffe Dopamin und Serotonin, welche die Größe der Amygdala beeinflussen. In diesem Zusammenhang fand Pleuss ferner heraus, dass eine größerer Amygdala bei Kindern mit einer höheren Sensitivität auf Umweltreize einhergeht (Paulus/Nestlen/Kölbel, 2017).

Hochsensibilität und psychische Erkrankungen

Auch Aron (1997) geht davon, dass die Hochsensibilität grundsätzlich genetisch bedingt ist. Sie kann jedoch – so die Annahme – auch durch Traumata hervorgerufen werden.
Forschungen (Boterberg & Warreyn, 2016) konnten ferner zeigen, dass bei Hochsensiblen ein erhöhtes Risiko für die Entstehung von internalisierten Störungen, Depressionen (Bakker & Moulding, 2012) sowie Merkmalen von Krankheiten der Autismus-Spektrum-Störungen (Liss et al., 2008) vorkommen können. Weiters konnte eruiert werden, dass Hochsensibilität mit einem niedrigeren Niveau von subjektiv empfundenem Glück und Lebenszufriedenheit in Verbindung steht (Brindle et al. 2015). Faktoren wie schlechtes Stressmanagement einschließlich Schwierigkeiten bei der Emotionsregulierung und eine höhere Unzufriedenheit mit Arbeitssituationen sowie damit einhergehend ein erhöhtes Erholungsbedürfnis werden bei hochsensiblen Personen ebenfalls signifikant häufiger beobachtet (Andresen et al. 2017). Carr & Nielsen (2017) weisen zudem darauf hin, dass Hochsensibilität häufig mit Alpträumen und lebhaften Traumbildern einhergehen soll. In Bezug auf psychologische und psychotherapeutische Interventionen wurde exploriert, dass hochsensible Personen nachweislich stärker davon profitieren als normalsensible Personen (Nocentini et al., 2018).

Kritik am Konzept der Hochsensibilität

Gemessen wird Hochsensibilität standardmäßig mit einem Fragebogen, den Aron im Jahr 1997 entwickelte. Die Skala weist 27 Items auf und verfügt über eine hohe interne Konsistenz – das bedeutet, dass Personen, die einem Item zustimmen, mit hoher Wahrscheinlichkeit auch weiteren Items zustimmen. Dieser Fragebogen, der ursprünglich in englischer Sprache entworfen wurde, steht heute in zahlreichen Übersetzungen zur Verfügung und wurde von Braem et al. (2017) auch auf die Tierwelt zu adaptieren versucht.
Kritik am Konzept der Hochsensibilität setzt meist an diesem Diagnoseinstrument an. So verweisen Kritiker*innen etwa auf die historische und kulturelle Kontingenz der Hochsensibilität: Was als normal- und was als hochsensibel gilt, ist maßgeblich von gesellschaftlich als durchschnittlich bzw. normal geltenden Belastungs- und Reaktionsformen abhängig ist. Die Aussage, 20% der Weltbevölkerung seien hochsensibel, muss damit insofern infrage gestellt werden, als sie interkulturelle Vergleichbarkeit voraussetzt, die faktisch jedoch, da der Referenzrahmen sich von Gesellschaft zu Gesellschaft unterscheidet, nicht gegeben ist: Wer in Kultur A oder historischer Epoche A als normalsensibel gilt, kann in Kultur oder historischer Epoche B die Kriterien für Hochsensibilität erfüllen, sodass Aussagen immer auf einen bestimmten geographischen Raum und eine bestimmte Epoche beschränkt werden müssen, um seriös einordbar zu sein.
Bemängelt wird weiterhin, dass der Hochsensibilitäts-Test von Aron unterschiedliche Merkmale, die nicht zwingend zusammenhingen, messe. Zum einen messe er die Neigung zu Gefühlen wie Angst oder Ärger und zum anderen die Empfänglichkeit neuer Eindrücke. Einige Forscher*innen ordnen die gemessenen Merkmale außerdem als bloße „Unterklasse des Neurotizismus“, also als eine Dimension Big Five, einem Modell zur Beschreibung von Charaktereigenschaften, ein. (Langosch, 2016).
Weiters merken verschiedene Forscher*innen an, dass man sich nicht ausschließlich auf eine Selbstdiagnose, die ausschließlich auf einem Fragebogen basiert, verlassen sollte, sondern sich vielmehr auf zusätzliche physiologische Messungen stützen sollte. Leider gibt es solche Forschungen derzeit noch nicht. Interessant sind in dieser Hinsicht jedoch die Forschungen von Blach und Egger (2014), die im Kontrast zu Arons Konzept darauf hinweisen, dass es sich bei der Hochsensibilität „um ein psychologisches und erst in zweiter Linie um ein physiologisches Phänomen handeln könnte“. (Langosch, 2016).
Insgesamt entspricht das Konzept der Hochsensibilität dem heutigen Zeitgeist, unabhängig davon, ob die Theorie von Aron nun unscharf ist oder nicht. Unsere Umwelt wird immer komplexer und lauter. Hektik und Überforderung stehen an der Tagesordnung. Aus diesem Grund verwundert es nicht, dass Menschen sich im Phänomen der Hochsensibilität wiederfinden. Diesen Aspekt unterstreicht auch Konrad (2016), die in der zunehmenden Identifikation mit dem Konstrukt der Hochsensibilität einen Hinweis auf Überforderung sieht.
Der Persönlichkeitspsychologe Asendorpf weist diesbezüglich kritisch darauf hin, dass der Begriff der Hochsensibilität anders als der zumindest verwandte des Neurotizismus positiv konnotiert sei und damit eher zur Selbstbezeichnung einlade. (Langosch, 2016).

Fazit zur Hochsensibilitätsforschung

Zusammenfassend steckt die Erforschung der Hochsensibilität, im Speziellen im Bereich der Hirnforschung, noch in den Kinderschuhen, obgleich sich viele Wissenschaftler*innen damit auseinandersetzen. Eine genetische Vererbung einer überdurchschnittlichen Sensitivität bei der Verarbeitung von Sinneseindrücken gilt heute als sehr wahrscheinlich. Studien weisen – das sei ergänzend erwähnt – außerdem darauf hin, dass sich die Disposition nicht nur unter Menschen, sondern auch im Tierreich finden lässt. Die Studie an Hunden von Braem et al. (2017) ist hier sicherlich wegweisend. Das Forscher*innen-Team hat in dieser Untersuchung einen Fragebogen – basierend auf dem Test für Menschen von Aron (1997) – entwickelt, um zu überprüfen, ob die Persönlichkeitsdisposition auch bei Hunden existiert.
Insgesamt bleibt weitere Forschung zum Thema abzuwarten, um eindeutigere Aussagen über den Gegenstand treffen zu können. Deutlich wird bereits heute jedoch, dass Hochsensible ein höheres Risiko haben, psychisch zu erkranken – jedoch gut von psychotherapeutischen Interventionen profitieren.

Quellen:

Andresen, M., Goldman, P., Volodina, A. (2017). Do Overwhelmed Expatriates Intend to Leave? The Effects of Sensory Processing Sensitivity, Stress, and Social Capital on Expatriates’ Turnover Intention. European Management Review, Vol. 15, 315–328, (2018) DOI: 10.1111/emre.12120
Acevedo, B., Aron, E., Aron, A., Sangster, M.D., Collins, N., Brown, L. (2014). The highly sensitive brain: an fMRI study of sensory processing sensitivity and response to others‘ emotions – PubMed (nih.gov)
Aron, Elaine N. (2019) Sind Sie hochsensibel? (German Edition) (S.10). mvg Verlag. Kindle-Version. 13. Auflage.
Aron, E. N., & Aron, A. (1997). Highly Sensitive Person Scale (HSPS) [Database record]. APA PsycTests. https://doi.org/10.1037/t00299-000
Blach, C., (2016). Ein empirischer Zugang zum komplexen Phänomen der Hochsensibilität. Hamburg, disserta Verlag, Buch-ISBN: 978-3-95935-262-8
Bakker, K., Moulding, R. (2012) Sensory-Processing Sensitivity, dispositional mindfulness, and negative psychological symptoms. https://www.researchgate.net/publication/230757210_Sensory-Processing_Sensitivity_dispositional_mindfulness_and_negative_psychological_symptoms
Boterberg, S., Warreyn, P (2015) Making sense of it all: The impact of sensory processing sensitivity on daily functioning of children. Personality and Individual Differences 92:80-86
DOI:10.1016/j.paid.2015.12.022
Boyce, T., Ellis, B. (2005). Biological sensitivity to context: I. An evolutionary-developmental theory of the origins and functions of stress reactivity. Development and Psychopathology 17(2):271-301. DOI:10.1017/S0954579405050145
Braem, M., Asher, L., Furrer, S. , Lechner, I. , Würbel, H., Melotti, L. (2017) Development of the “Highly Sensitive Dog” questionnaire to evaluate the personality dimension “Sensory Processing Sensitivity” in dogs. PLOS ONE: Development of the “Highly Sensitive Dog” questionnaire to evaluate the personality dimension “Sensory Processing Sensitivity” in dogs
Brindle, K., Moulding, R., Bakker, K., Nedeljkovic, N., (2020). Is the relationship between sensory‐processing sensitivity and negative affect mediated by emotional regulation?: Australian Journal of Psychology: Vol 67, No 4. https://doi.org/10.1111/ajpy.12084
Jonsson, K., Grim, K., & Kjellgren, A. (2014). Do highly sensitive persons experience more nonordinary states of consciousness during sensory isolation? Social Behavior and Personality: An International Journal, 42(9), 1495–1506. https://doi.org/10.2224/sbp.2014.42.9.1495
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Langosch, N. (2016). Hochsensibilität. Der Streit um die Feinfühligkeit. Online verfügbar unter: https://www.spektrum.de/news/hochsensibilitaet-der-streit-um-die-feinfuehligkeit/1412989 [16.07.21]
Liss, M., Mailloux, J, Erchull M. 2008 The relationships between sensory processing sensitivity, alexithymia, autism, depression, and anxiety – ScienceDirect
Nocentini, A., Lionetti, F., Pastore, M., Moscardino, U., Pluess, K., Pluess,M. (2019), Sensory Sensory Processing Sensitivity and its Association with Personality Traits and Affect: A Meta-Analysis. https://doi.org/10.1016/j.jrp.2019.05.013
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Parlow, G. (2015). Zart besaitet. Selbstverständnis, Selbstachtung und Selbsthilfe für hochsensible Menschen. Festland-Verlag (Wien). 4., neu überarbeitete Auflage. 248 Seiten. ISBN 978-3-9501765-8-2
Paulus, J., Nestlen, J., Kölbel, R. (2017). Empfindsam oder empfindlich? Hochsensibilität. Online verfügbar unter: https://www.swr.de/swr2/wissen/broadcastcontrib-swr-11752.html [16.07.21]
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