Spracherwerbstheorien: Phylogenetischer und ontogenetischer Spracherwerb

Spracherwerbstheorien. Phylogenetischer und ontogenetischer Spracherwerb

Sprache, was ist das eigentlich? Zunächst einmal ist Sprache die wohl wichtigste Methode der menschlichen Kommunikation – auch wenn uns hier noch andere Möglichkeiten offenstehen. Sprache beinhaltet häufig ein verbales und ein schriftliches System. Sie besteht aus Lauten und Symbolen. Diese werden jeweils auf eine festgelegte Art miteinander kombiniert, um eine Bedeutung zu transportieren. Und in unserem Alltag benutzen die meisten von uns Sprache so selbstverständlich, dass wir uns gar nicht darüber bewusst sind, welch eine Besonderheit der menschliche Spracherwerb ist. Wer eine Fremdsprache lernt, bekommt eine Ahnung davon, wenn er*sie sich mit all den neuen Grammatikregeln und Vokabeln auseinandersetzt – kein einfaches Unterfangen. Wie kann es da sein, dass Kleinkinder all die komplizierten Regeln und ihre Ausnahmen quasi nebenbei lernen? Wie können sie dieses beeindruckende Niveau der Informationsverarbeitung herstellen? Und: Wie und warum hat die Menschheit überhaupt angefangen Sprachfähigkeit und Sprachen zu entwickeln? Im Folgenden wollen wir einen Blick auf den Spracherwerb auf zwei Ebenen werfen: auf der phylogenetischen und auf der ontogenetischen Spracherwerbsebene.

Ebenen des Spracherwerbs: Phylogenese und Ontogenese

Die menschliche Art des Spracherwerbs ist – das wird spätestens seit Johann Gottfried Herders Sprachursprungstheorie angenommen – eine besondere in der Tierwelt. Natürlich können auch andere Tiere Vokalisation durch Nachahmung erlernen, aber dies ist nicht mit der menschlichen Sprachfähigkeit vergleichbar. Und unser gemeinsames Handeln können wir uns ohne den Einsatz von Sprache kaum vorstellen. Dabei sind in Hinblick auf die menschliche Sprachfähigkeit zwei Komponenten voneinander zu unterscheiden. Auf der einen Seite gibt es die genetisch-biologische Evolution von Sprachfähigkeit, die dem Menschen als Gattungswesen überhaupt erst die Fähigkeit zum Sprechen, zum Spracherwerb und der Entwicklung von Sprachen auf einer kulturellen Ebene ermöglicht. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von der Phylogenese. Auf der anderen Seite ist da die individuelle Fähigkeit eines jeden Einzelnen zum Spracherwerb, die sogenannte Ontogenese. Wir wollen zunächst einen Blick auf die Phylogenese werfen.

Phylogenetische Sprachentwicklung

Es sei vorausgeschickt, dass die Evolutionsgeschichte des menschlichen Spracherwerbs noch nicht sehr gründlich analysiert wurde, weshalb Rekonstruktionen zum Teil auf Spekulationen basieren. Doch deuten anatomische und genetische Indizien im Rahmen von Fossilienfunden darauf hin, dass schon die Vorfahren von Homo Sapiens und Neandertaler sprechen konnten. Dies würde bedeuten, dass diese Form der Kommunikation schon vor 500.000 Jahren stattfand bzw. möglich war. Manche Wissenschaftler*innen gehen sogar von einer noch früheren Sprachentwicklung aus. Diese Position ist eine relativ junge. Lange herrschte ein allgemeiner Konsens darüber, dass die menschliche Sprachfähigkeit deutlich jünger ist und Wissenschaftler*innen wie Noam Chomsky sprechen beispielsweise dem Neandertaler die Sprachfähigkeit mit dem Verweis auf anatomische Besonderheiten ganz ab. Andere Forscher*innen meinen hingegen, dass die heutige Sprachenvielfalt sogar auf den Austausch unterschiedlicher Menschenarten zurückzuführen sei.

Gestützt wird die These, dass bereits Vorfahren des Homo sapiens sprechen konnten, durch Funde von fossilen Wirbelkörpern. In diesen 1,8 Millionen Jahre alten Wirbelkörpern von Frühmenschen wurden dicke Kanäle für Nerven, welche der Kontrolle der Atmung dienen, gefunden. Diese Art der Kontrolle ist eine Voraussetzung dafür, Tonhöhe und Tonlautstärke zu regulieren und so letztendlich sprechen zu können. Zum Vergleich: Affen verfügen nicht über diese Möglichkeit der Atemkontrolle. Daher steht ihnen nur eine relativ geringe Bandbreite an Lauten zu Verfügung.

Warum sprechen wir?

Eine wichtige Frage neben dem Wann und dem Wie ist in Hinblick auf den Spracherwerb natürlich das Warum. Mag sich die Fähigkeit zum Sprechen schon früh in der Geschichte der Menschheit entwickelt haben und mögen auch schon sehr früh die ersten Ansätze verbaler Kommunikation entstanden sein, so wurde die Fähigkeit zur abstrakten Sprache, abseits einer rein additiven Aneinanderreihung von Lauten oder einfachen symbolhaften Begriffen, wohl erst vor relativ kurzer Zeit ausgebildet – vielleicht erst mit Auftreten des modernen Homo sapiens. Der Entwicklungspsychologe Michael Tomasello meint, dass sich die Sprache sehr langsam und parallel zum sozialen Bewusstsein des Menschen entwickelt habe. Dem Menschen sei es ein Bedürfnis gewesen, Erkenntnisse zu teilen. Für eine abstrakte Symbolsprache muss der Mensch zudem in der Lage gewesen sein, sich Dinge vorzustellen, die nicht greifbar sind.

Dabei zählt Tomasello übrigens auch Gesten und Körperbewegungen zur menschlichen Sprache und geht davon aus, dass diese bei der Sprachentwicklung eine tragende Rolle gespielt haben – und sozusagen eine Vorstufe zum eigentlichen Sprechen bildeten. Nicht umsonst greifen wir noch heute auf die nonverbale Kommunikation zurück, wenn Reden nicht möglich ist und begleiten bzw. unterstreichen Gesagtes durch Mimik und Gestik.

Ontogenetische Sprachentwicklung

Der ontogenetische Spracherwerb beschreibt den Spracherwerb des Individuums. Hier beginnt alles mit einem Schrei: Der erste Ruf des Neugeborenen ist die erste Form der Kontaktaufnahme zu seiner Umwelt. Tatsächlich haben schon Säuglinge neben diesem sogenannten Alarmschrei fünf weitere Laute in ihrem Kommunikationsrepertoire:

  • den Kontaktlaut, mit dem sich das Baby versichert, dass es nicht alleine ist
  • den Unmutslaut, eine rhythmische Abfolge mehrerer Einzellaute, die die Eltern dazu bringen sollen, den Grund für eine Unzufriedenheit zu beseitigen
  • einen Schlaflaut
  • den Trinklaut, mit dem der Säugling kommuniziert, dass die Milch gut fließt und das Trinken funktioniert
  • den Wohligkeitslaut, ein Seufzen, das signalisiert, dass das Baby satt und zufrieden ist und sich sicher fühlt

Es wird vermutet, dass diese Laute angeboren sind und eine Vorstufe zur weiteren Lautentwicklung darstellen. Es wird deutlich, dass bereits Babys die grundlegenden Dinge für ihr Überleben signalisieren können. Während der Säugling damit vor allem auf sein eigenes Befinden reagiert und dieses zum Ausdruck bringt, nimmt der eigentliche Spracherwerb im Sinne einer Kommunikation seinen Anfang, wenn sich die Aufmerksamkeit von Kind und Eltern gemeinsam auf etwas Drittes richtet.

Was genau damit gemeint ist, kann gut anhand eines allseits bekannten Witzes erklärt werden:
„Ein Kind hat die ersten acht Jahre seines Lebens kein Wort gesprochen. Die Eltern sind schon recht besorgt. Doch eines Morgens am Küchentisch fragt das Kind plötzlich: ‚Kann ich bitte die Butter haben?‘ Die Eltern freuen sich und fragen verwundert: ‚Du kannst ja sprechen. Warum hast du denn bis jetzt nie etwas gesagt?‘ Und das Kind antwortet: ‚Bisher war es ja nie nötig.‘“
Kommunikation wird nicht zuletzt aus einer Notwendigkeit heraus geboren. Aus dem Antrieb, sich gemeinschaftlich über etwas zu verständigen. Dies gilt nicht nur für den phylogenetischen, sondern auch für den ontogenetischen Spracherwerb.

Voraussetzungen für den ontogenetischen Spracherwerb

Damit ein Kind zu sprechen lernen kann, müssen zunächst die physischen Voraussetzungen gegeben sein. Beim Säugling sitzt der Kehlkopf noch hoch im Rachen. Dies hat den Vorteil, dass die Nahrung so besser am Kehlkopf vorbei in die Speiseröhre gelangt und die Gefahr des Verschluckens beim Saugen und Atmen verringert ist. Der Hohlraum, der dafür wichtig ist, dass alle Laute voll ausgebildet werden können, entsteht erst, wenn der Kehlkopf weiter absinkt.

Zahlen und Fakten zum ontogenetischen Spracherwerb:

  • Viele Wissenschaftler*innen halten es für wahrscheinlich, dass ein Verstehen von Sprache für den Säugling bereits im Mutterleib beginnt.
  • Bereits im Alter von vier Wochen können Babys ähnlich klingende Laute unterscheiden und ab dem sechsten Lebensmonat setzt ein Wortverständnis ein.
  • Ist das Kind zwölf Monate alt, versteht es etwa 60 Wörter.
  • Der aktive Wortschatz liegt im Alter von achtzehn Monaten bei etwa 50 Wörtern.
  • Der Erwerb der Grammatik findet ab einem Wortschatz von 200 bis 300 Wörtern statt. Dabei entwickeln sich die grammatischen Fähigkeiten in Abhängigkeit von der Größe des Wortschatzes.

Theorien zum frühkindlichen Spracherwerb

Daten über den frühkindlichen Spracherwerb zu erhalten, ist nicht einfach. So ist es wenig verwunderlich, dass sich zu diesem Thema verschiedene Erklärungsansätze herausgebildet haben und noch keine dieser Theorien allgemein akzeptiert ist. Die wichtigsten Ansätze zum Thema frühkindlicher Spracherwerb wollen wir dennoch im Folgenden vorstellen.

Der interaktionistische Ansatz

Diese Spracherwerbstheorie geht davon aus, dass Sprache zunächst der Kommunikation mit der Umgebung dient und in dynamischer Wechselbeziehung mit einem Lernumfeld und durch die Interaktion mit den Bezugspersonen erlernt wird.

Der kognitivistische Ansatz

Nach dieser Theorie wird davon ausgegangen, dass erst einmal wichtige kognitive Fähigkeiten wie Wahrnehmungen, Aufmerksamkeit, Erinnerungsfähigkeit sowie Fähigkeit zur Planung erlangt werden müssen, damit ein Spracherwerb überhaupt erst möglich wird. Damit ist nach diesem Ansatz die Sprache durch das Denken determiniert. Verbildlichen lässt sich das mit einem Computervergleich: Das Gehirn wird im Kognitivismus als eine Art Computer vorgestellt, die Sprache ist dann eine Funktion dieses Computers.

Der behavioristische Ansatz

Diese Spracherwerbstheorie geht auf John B. Watson und Burrhus F. Skinner zurück und ist wohl eine der bekanntesten Theorien. Sie geht davon aus, dass der Spracherwerb von einfachen Lernmechanismen bestimmt wird. Nach dem behavioristischen Ansatz lernen Kinder mehr und besser zu sprechen, weil sie positive Reaktionen und Lob erfahren, wenn sie Laute, Wörter und Sätze nachahmen. Sprechen ist nach dieser Theorie eine Verhaltensweise, die durch Lob verstärkt wird, und beruht allein auf den Prinzipien von Imitation und Verstärkung.

Der nativistische Ansatz

Noam Chomsky entwickelte den sogenannten nativistischen Ansatz. Er geht davon aus, dass es einen angeborenen Spracherwerbsmechanismus geben muss, durch den Kinder überhaupt erst intuitiv und unbewusst Sprache erlernen können. Dieser Mechanismus ist nach dem nativistischen Ansatz die Erklärung dafür, dass in ihrer kognitiven Entwicklung noch wenig fortgeschrittene junge Kinder bereits dazu fähig sind, das komplexes System grammatischer Strukturen zu erlernen.
Letztendlich kann keiner dieser Ansätze voll und ganz erklären, wie Menschenkinder Sprache erlernen und zu jedem Ansatz gibt es nicht von der Hand zu weisende Kritikpunkte. So wurde die Theorie von Chomsky im Laufe der Jahre mehrfach angepasst und wird vom Urheber selbst in seiner Ursprungsform als überholt angesehen. Doch auch wenn der Weisheit letzter Schluss in puncto Spracherwerb noch nicht gefunden wurde, kann jeder der Ansätze einen Teil zu einer Erklärung beitragen.

Quellen:
Butzkamp, Wolfgang; Butzkamp, Jürgen: Wie Kinder Sprechen lernen. Unter Narr Verlag, 2008.
Do Carmo, Maria; Oliveira-Mußmann, Maria; Mußmann, Jörg: Förderschwerpunkt Sprache zwischen Linguistik, Psychologie und Soziologie. GRIN Verlag, 2008.
https://www.sueddeutsche.de/wissen/geschichte-der-menschheit-erste-worte-vor-500-000-jahren-1.1719856 (Zugriff am 24.07.2022)
http://webdoc.sub.gwdg.de/ebook/dissts/Bochum/Moeller2001.pdf (Zugriff am 23.07.2022